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19. November 2011

Kolumne: Liebe rechtsextreme Mitbürger!

 Von 

Ein Drittel der Bürger denkt, dass Ausländer hier nicht hergehören. Das braucht die NPD gar nicht erst zu fordern.

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Rechtsextremes Denken ist in unserer Bevölkerung offenbar unausrottbar vorhanden. Nicht die pathologisch Verrückten, die mit einer Waffe in der Hand mordend durch die Gegend ziehen, sind das Problem. Sondern unsere rechtsextrem denkenden Nachbarn, Zeitungsabonnenten, Vorgesetzten, Personalchefs, Eltern, Lehrer, Kita-Erzieher, Polizisten, Sachbearbeiter auf der Behörde und so fort. Rechtsextreme sind keine zoologische Besonderheit, keine Naturgewalt aus Zwickau.

Ein Drittel der Befragten einer großen Studie der Friedrich-Ebert Stiftung vom letzten Jahr stimmte diesem Satz zu: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet“. Genauso viele meinen, dass „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen“, und dass bei knappen Arbeitsplätzen „Ausländer wieder in ihre Heimat“ geschickt werden sollten. Das ist nicht NPD-Gedankengut. Die NPD nutzt die vorhandenen Einstellungen.

Wenn das jeder Dritte denkt, wäre das jeder dritte Kollege, der mir auf dem Gang begegnet, jeder dritte Parlamentarier, jeder dritte Arzt. Bestätigt wird die Studie durch eine andere, die „antidemokratische Mentalitäten in Europa“ untersucht und zu ähnlichen Ergebnissen kommt. Nie gibt es eine Studie über die Deutschen, die besagt, dass wir kein Rassismus Problem haben. Innenminister Friedrich beschimpfte das Ergebnis einer Untersuchung über Rechtsextremismus in Bayern als Frechheit und Denunziation seiner Landsleute.

In Wikipedia habe ich mir die Liste der „Persönlichkeiten aus Hof“ angesehen. Wilhelm Grimm (1889-1944), NSDAP-Reichstagsabgeordneter. Karl Fritsch (1901-1944), NSDAP-Politiker, Innenminister des Freistaates Sachsen. Klaus Beier (* 1966), NPD Politiker. Das steht da vollkommen selbstverständlich. Wer hat es geschrieben? Wer hat es nicht gelöscht? Warum gibt es keine Liste bedeutender „Nazis in Hof“? Das alles betrifft auch die Wikipediaseiten der Berliner oder Frankfurter Persönlichkeiten.

Mittwoch in der Süddeutschen Zeitung: „Ein offenbar geistig verwirrter Mann, der eine Hakenkreuz-Binde am Arm trug, hat am Dienstag in Rheda-Wiedenbrück auf das Schaufenster eines türkischen Lebensmittelgeschäfts geschossen.“ 17 Zeilen, letzte Seite, afp-Meldung – wer ist hier geistig verwirrt? Wir haben auch ein Öffentlichkeits- und Medienproblem.

Wir werden nicht darum herumkommen, uns die Frage zu stellen, wie gehen wir als Journalisten und Kolumnisten mit so etwas um? Wieso hören wir seit sieben Tagen keine einzige Stimme aus den Opferfamilien? Wieso sind die Mitarbeiter in Sicherheitsbehörden, Medien und Politik so wenig multi-ethnisch?

Der öffentliche Druck auf diese Themen wäre in den letzten 20 Jahren anders ausgeübt worden. Noch sind keine hochrangigen Politiker in Demut und Scham vor die Opferfamilien getreten und haben um Verzeihung gebeten. Noch haben Journalisten sich für ihre vorurteilsvolle und diskriminierende Berichterstattung über Belange der migrantischen Bevölkerung über Jahre hinweg nicht entschuldigt. Noch gab es keine aufrichtigen Rücktritte. Weil man immer noch eine Differenz zwischen organisierten Rechtsextremen und „normal rassistisch“ denkender Bevölkerung sieht. Das ist eines unserer grundsätzlichen deutschen Probleme. Der eigentliche Skandal.

Ihre Mely Kiyak

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