Wenn ich etwas im Bundestagsuntersuchungsausschuss zur Aufklärung der NSU-Morde gelernt habe, dann das: Rohrbomben sind die Spezialität von Rechtsterroristen. Als vor einer Woche am Bonner Hauptbahnhof eine solche Bombe gefunden wurde, dachte ich an die unzähligen Male, die ich im Ausschuss saß, als es um Rohrbomben ging. 1999, Anschlag von Rechtsradikalen in Saarbrücken, um die Wehrmachtsausstellung zu verhindern. Oder die Rohrbombenfunde in Uwe Böhnhardts Garage. Wenn man in den Archiven die Schlagworte Rohrbombe und Nazi eingibt, bekommt man erwartungsgemäß viele Treffer. Darunter auch kleine Nachrichten, wie die Meldung, dass sich in Sachsen ein polizeibekannter Rechtsextremer beim Bau einer Rohrbombe schwer verletzt hat und andere ständige Rohrbombenfunde bei Neonazis.
Die beiden Bomben, die in Köln mutmaßlich von dem NSU gezündet wurden, waren mit Nägeln gefüllte Rohrbomben, weshalb man sie Nagelbomben nennt. Gerade die rechts-terroristische englische Organisation Combat 18 dient vielen deutschen Rechtsextremisten als Vorbild, was den Rohrbombenbau betrifft. Auch nicht gezündete Bomben und Bombenattrappen sind beliebte Gelegenheitshobbys von Neonazis und überdies ein polizeibekanntes Phänomen. Findet sich bei einem Attentat kein Bekennerschreiben, so eine weitere Lektion, die ich im NSU-Ausschuss lernte, müssen Rechtsextremisten in den Kreis möglicher Verdächtiger zwingend aufgenommen werden, denn im Gegensatz zum Linksterrorismus und Islamismus ist die fehlende Selbstbezichtigung bei Anschlägen ein heißes Indiz für ihre Täterschaft.
Eva Högl, SPD-Obfrau im Untersuchungsausschuss des Bundestags: „Wir haben zwar gestern die Akten bekommen, aber die Darstellung von Herrn Henkel kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, dass der Generalbundesanwalt ihn angeblich angewiesen habe, die Akten dem Untersuchungsausschuss nicht zur Verfügung zu stellen.“
Foto: dpaEine Woche ist seit dem Bonner Bombenfund vergangen, und es wiederholt sich das Handlungsmuster von Polizei und Presse bei den NSU Anschlägen. Man ermittelt in „alle Richtungen“ (Ausländerkriminalität, Ausländerkriminalität und Ausländerkriminalität), und die Bildzeitung hilft kräftig mit, indem sie kurz nach der Tat eine Schlagzeile textet, in der die Worte „Bombe“ und „Salafisten“ stehen und sofort plappern es alle Zeitungen dem Zentralorgan der deutschen Presse nach und tätowieren der Öffentlichkeit ins Stammhirn: Bombe – Islam.
Mit dieser Taktik lässt sich hervorragend von der Gefahr des Rechtsextremismus ablenken, dem NSU Skandal sowie der Tatsache, dass in diesem Land seit Republikgründung viele Menschen durch den Rechtsextremismus zu Schaden gekommen sind und täglich bis zu vierzigmal kommen. Und wieder ist es in der Berichterstattung kein Usus, Ermittlungsergebnisse abzuwarten und kritisch zu hinterfragen. Stattdessen Ressentiments, wo doch die Kollegen dieses Jahr so ungemein lernwillig und selbstkritisch taten.
Mag sein, dass Salafisten oder andere Islamisten hinter der Bonner Tat stecken, denn der Extremismus nimmt in unserer Gesellschaft zu. Wir werden fanatischer, extremer und unversöhnlicher. Auch Journalisten tragen dazu bei, indem sie ihr Denken und ihren Berufsethos abstellen und Gerüchte verbreiten, statt sich Erkenntnisgewinn anzueignen. Wir sollten eines unserer kostbarsten Güter, nämlich die Pressefreiheit, dafür nutzen, eine kritische, gebildete, investigative, informative, aufklärende, mutige Zeitung voller Sachverstand zu gestalten. Denn ein freier Journalist in einem ehemals diktatorischen Staat zu sein, ist ein Geschenk, das man zu schätzen wissen sollte. Ihre Mely Kiyak
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