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01. März 2013

Kolumne: Liebe Söhne!

 Von 
Peter Kohl und Walter Kohl bei der Aufzeichnung der ZDF-Talkshow Markus Lanz. Foto: imago

Familie als Potemkinsches Dorf wie bei Helmut Kohl – Ja. Familienerfahrung als politisches Argument – Nein. So sind Politiker.

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Vor ziemlich genau zwei Jahren kommentierte ich an dieser Stelle ein Interview, das Hans-Jochen Vogel der Süddeutschen Zeitung gab. Es ging in dem Gespräch um den Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, der seinen Vater in einem Buch als emotional verkümmerten Mann porträtierte. Vogel empörte sich: „Das macht man nicht. Es widerspricht meinen Vorstellungen über das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen.“ Und weiter: „Es geht um die Privatheit der Familie, die auch dann eine Rolle gespielt hätte, wenn etwa Helmut Kohl auf den Gedanken gekommen wäre, um seiner politischen Karriere willen das Positive seines Familienlebens öffentlich zu machen. Muss dann der Sohn das Negative berichten?“

Wenn ein derart hochrangiger Ex-Politiker wie Hans-Jochen Vogel meint, dass der Schein, die Lüge, das Image, Illusion und Inszenierung in der Politik legitime Mittel sind, um Mehrheiten zu gewinnen, und dass Kinder Opfer für ihre Politikerväter zu erbringen haben, kann man sich angesichts von so viel Grausamkeit und Machtbesessenheit nur gruseln.

Und, ja, selbstverständlich ist es wichtig, dass man Widersprüche im Handeln und Denken von Mandatsträgern aufdeckt, denn sie haben ihr Amt auf der Grundlage ihrer Versprechungen bekommen. Ich glaube, dass jedes Land der Erde seine peinvollen Erfahrungen mit lieblosen Politikern macht. Man kann kein Gefühlskrüppel sein und eine menschenfreundliche Politik machen. Kalt fühlen und heiß handeln sind Merkmale von Despotie und Diktatur. Wie interessant wäre es doch zu erleben, wie sich eines der Kohlgeschwister als Politiker machen würde.

Diese Woche konnte man in einem dieser schrecklichen Talkformate des ZDF die beiden Kohl-Söhne sehen, die offensichtlich nicht fertig werden mit ihrem Verstoßenheitstrauma, Stiefmuttertrauma, Liebesbedürftigkeitstrauma. Wie verhielten sich solche Söhne als Politiker, die ihren Schmerz öffentlich nicht verbergen, sondern sichtbar machen? Kennt man deutsche Politiker, die öffentlich zugeben, dass sie sich als Söhne ungeliebt fühlen und deshalb leiden? Gibt es Untersuchungen zu Väterbeziehungen und der politischen Agenda?

Eines meiner ersten Bücher bestand darin, dass ich Politiker besuchte und mir von ihnen erzählen ließ, wie sie in ihren Familien lebten und was für eine Gesellschaft sie sich wünschten. In keinem einzigen Fall habe ich es erlebt, dass ein Politiker sich leidenschaftlich für etwas einsetzte, das nicht zutiefst intim und persönlich aus seinen familiären Erfahrungen als Sohn oder Tochter resultierte.

Im öffentlichen Diskurs spielt es jedoch nie eine Rolle. Familie als Potemkinsches Dorf wie bei Helmut Kohl – Ja. Familienerfahrung als politisches Argument oder im öffentlichen Diskurs – Nein. Erstaunlich selten hört man von Spitzenpolitikern etwas über schmerzhafte Väterbeziehungen. Ich könnte allerdings auf Anhieb dutzende Kriegserfahrungen von CDU-Politikern wiedergeben.

Man redet wohl lieber über sich als Soldat als über sich als Sohn. Meine Theorie: Wer sich nicht scheut, als Sohn seine Vaterbeziehung öffentlich zu verhandeln, wird nicht Politiker, sondern Künstler.
Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyaks Kolumnen sind jetzt in dem Band nachzulesen: „Briefe an die Nation und andere Ungereimtheiten“, S. Fischer Verlag, 9,99 Euro

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