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13. August 2011

Kolumne: Liebe Unfreiheit!

 Von 

Auch wenn die Unruhen in England kein zitierfähiges Motiv haben und bei ihnen geplündert wird – sie sind politisch.

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Es ist das Grunddilemma einer jeden Berichterstattung über soziale Unruhen, dass sie sich zunächst mit deren Ästhetik beschäftigt und darin die Ursache zu finden versucht. Manche Kommentatoren meinen deshalb, jugendliche Engländer, die nachts ihre Infrastruktur zerstören, seien apolitisch, destruktiv und konsuminteressiert.

In den vergangenen drei Jahren ist die Jugendarbeitslosigkeit in England um 40 Prozent gestiegen. Ein Fünftel aller unter 25-jährigen hat keine Arbeit. In Tottenham fallen auf eine Arbeitsstelle 57 Arbeitssuchende. Das Erscheinungsbild von Armut und Protest hat sich verändert. Früher kannte der Arme die Umstände seiner Armut nicht im Detail. Heute sind Vorgänge in Banken, im Parlament, auf dem Immobilienmarkt oder dem Börsenparkett transparenter. Auch der chinesische Wanderarbeiter und die indische Näherin verstehen, wo sie stehen und wo die anderen stehen.

Du kannst heute ein Tunesier, Ägypter oder Algerier sein, der damit leben konnte, dass sein Staat korrupt und autoritär war, solange du dir Nahrung und Kleidung leisten konntest. Erst wenn du deine Arbeit verlierst, hast du das Gefühl, du wirst im Stich gelassen. Du kannst heute ein Israeli sein, der damit leben konnte, dass sein Staat weltweit über das höchste Militärbudget pro Kopf verfügt, solange du die Miete zahlen konntest. Wenn du merkst, dass dir das zunehmend schwerer gelingt, weil dein Lohn nicht reicht, fängt es an in dir zu brodeln. Du kannst heute ein Engländer sein, der sieht, dass sein Jugendzentrum geschlossen wird und dass der Schulabschluss nichts nützt und du merkst – es raubt dir den Bock aufs Leben.

Ganz gleich ob in Tunesien oder Ägypten, Tel Aviv oder Tottenham, wenn du morgens aufwachst und siehst, dass dein Problem von hunderten oder tausenden Menschen geteilt wird, kapierst du, es liegt nicht an dir. Der Virus sitzt im System. Dann hast du Wut! Deine Wut mobilisiert deine Kräfte, du gehst hoch, du gehst los – gemeinsam mit anderen bist du die Bewegung; über ein Manifest oder zitierfähiges Motiv für die Medien machst du dir erstmal keinen Kopf.

Die unterschiedlichen Protestformen sind abhängig von Einkommen und Bildungsstand der Massen. Die Mittelschicht gestaltet Plakate, wird in Talkshows eingeladen, schreibt Gastbeiträge in Zeitungen und meldet ihre Protestroute ordnungsgemäß an. Andere schütten ihr Herz in der Dunkelheit aus. Ein 14-jähriger Engländer, der sieht, wie die Welt um ihn herum aufgemotzt, saniert und mit Eichenholz veredelt wird, derweil ihm nur die beschissene Bushaltestelle als Treffpunkt bleibt, äußert seine Wut anders als ein schlecht bezahlter Ingenieur und Familienvater aus einer Nebenstraße des Tel Aviver Rothschild Boulevard oder ein Student aus Teheran.

Wir sollten aufhören, die einen mit Begriffen wie Plünderer und Randalierer zu entpolitisieren, während die anderen einer Demokratiebewegung zugeordnet werden, wo vielleicht sozioökonomische Aspekte im Vordergrund stehen.

Was alle miteinander eint, ist, dass ihr Zorn und ihre Wut über drohende oder tatsächliche Armut sie unfrei macht. Wir müssen auch über Rassismus und Ausgrenzung reden. Es geht immer um Freiheit. Es geht darum, dass die Menschen auf der ganzen Welt sehen, dass die einen vermögender, gebildeter und freier werden und die anderen unfreier.


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