Seit einigen Monaten suche ich eine Wohnung in Berlin. Vorweg: Es ist vollkommen zwecklos, mir Angebote zu senden. Ich bin alphabetisiert und komme alleine zurecht.
Ich suche in den üblichen Vermieterportalen und stoße dabei häufig auf die GSW. Ihr gehören fast 50.000 Wohnungen in allen Bezirken rund um Mitte einschließlich Mitte. Damit zählt die GSW in Berlin zu den größten privaten Immobiliengesellschaften. Vor dem Krieg war sie die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft. Die Wohnungen gehörten ursprünglich einmal allen Berlinern. Weil: womit finanziert der Staat sein Eigentum? Mit Steuergeldern.
Dann kam der Krieg. Dann wurde die Stadt geteilt. Dann kam die Wiedervereinigung. Bis zum Jahr 2004 gehörten die Immobilien den Bürgern der Stadt. Man ging durch dick und dünn. Dann kam ein reicher Amerikaner. Ein wirklich reicher. Stephen Feinberg. Er gehörte einmal zu den vierzig reichsten Amerikanern unter vierzig Jahren.
Stephy gründete die Cerberus Capital Management Gesellschaft. Dann ging er shoppen. Er kaufte in Wilhelmshaven Wohnungen. Er kaufte in Hannover. In Berlin. Die Aktie der Gesellschaft boomt.
Im Konzernjahresabschluss 2010 steht die Begründung: „Das Wachsen der Anzahl von Haushalten übersteigt die neu gebauten Wohnungen.“ Cerberus übrigens ist der mit bissigen Zähnen bewaffnete Wachhund der griechischen Mythologie.
Abfragewahnsinn im Internet
Ich schicke meine Besichtigungswünsche für mehrere GSW-Wohnungen ab. „Damit unsere Vermietungsberater mit Ihnen einen Besichtigungstermin vereinbaren können, möchten wir Sie bitten, folgenden Fragebogen online auszufüllen“, heißt es. Es folgt ein intimer Abfragewahnsinn: Name, vollständige Adresse. Wie auf die Anzeige gestoßen, wo? Beruf? Wohnungswechselgrund? Auflistung persönlicher Suchkriterien (wohlgemerkt, ich hatte mich auf ein konkretes Angebot gemeldet), schließlich: Warum suchen Sie in dem Viertel?
Natürlich fülle ich ein solches Formular vor einer Wohnungsbesichtigung nur über meine Leiche aus. Eher schlafe ich unter einer Brücke als eine Aktiengesellschaft, die ihr Vermögen auf Volkseigentum gebaut hat, bei ihren Segregationsbemühungen in gute Mieter und schlechte Mieter zu unterstützen.
Würde es sich hier um einen privaten Eigentümer handeln, der seine Wohnung mit seinem schwer verdientem Geld gekauft hat, würde ich es wirklich verstehen, wenn er während einer Wohnungsbesichtigung dem Mieter auf den Zahn fühlt („Wo wohnen Sie bislang, was machen Sie beruflich?“) und nach einer Besichtigung bei Mietwunsch um vertrauenswürdige Auskünfte bittet.
Aber doch nicht bei einem Wohnungsanbieter, der, nachdem man sein Abhörprotokoll links liegen gelassen hat, noch zwei Mahnungen hinterher schickt; „Wir hatten Ihnen auf Ihre Anfrage bereits zwei E-Mails gesendet“, obwohl die Angaben angeblich „freiwillig und unverbindlich“ sind, und der anschließenden Drohung: „Wenn Sie den Fragebogen nicht innerhalb der nächsten 12 Stunden ausfüllen, werden wir Ihre Kontaktdaten löschen.“
Mit anderen Worten: Entweder auf Datenschutz verzichten oder Besichtigung ausgeschlossen! Erst kam der Amerikaner in die Stadt und brachte uns Demokratie. Dann kam er und machte einen Haufen drauf. So ist er, der Cerberus-Köter... Ihre Mely Kiyak

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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