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Kolumne: Lieber 8. Mai!

Da war doch was. Mit Weltkrieg, Befreiung, Weizsäcker. Dies sollte ein Tag der Erinnerung und des Nachdenkens sein. Von Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.
Mely Kiyak ist freie Autorin.
Foto: FR

Heute vor 65 Jahren ging in Deutschland der Zweite Weltkrieg zu Ende. Vor 65 Jahren war ich noch nicht auf der Welt. Meine Familie betrat erst in den 70er Jahren europäischen Boden. Ich habe weder deutsch-christliche noch deutsch-jüdische Verwandtschaft. Ich habe auch keine osteuropäische Verwandtschaft. Mein Mitgefühl mit den Opfern ist eine Mischung aus Empathie und intellektueller Leistung. Ich trauerte um keine Tante und keinen Großpapa, wie ich es aus anderen deutschen, polnischen oder ungarischen Familien kannte. Das "Tagebuch der Anne Frank" las ich als sehr junges Mädchen. Als Anfang Januar die Niederländerin Miep Gies starb, dachte ich, das ist nicht die Miep Gies, die Anne Franks Familie bis zu deren Deportation versteckte und versorgte. Wenn es die Gies wäre, würde es sicher Sondersendungen und Leitartikel geben.

"Schindlers Liste" sah ich, weil mein Gymnasium eine Woche lang das örtliche Kino mietete und uns zum Anschauen des Films im Beisein unserer Geschichtslehrer verpflichtete. Seit Spielbergs Film hat der Holocaust einen Soundtrack, es ist die mit vielen Geigern unterlegte Filmmusik.

Später las ich "Les vrais riches - Notizen am Rande", das Tagebuch eines unbekannten Häftlings aus dem Ghetto Lodz, oder Daniel Goldhagen und die neuhebräischen Autoren wie Oz oder Appelfeld. Ich lernte Loretta Walz kennen, die überlebende Frauen aus dem Lager in Ravensbrück traf und filmte. Ich erfuhr auch, dass Teile der deutschen Linken Antisemiten sind, weil sie das Schicksal der Palästinenser in ihren Köpfen nur so verarbeitet bekommen, indem sie nicht nur die Gründung des Staats Israel ablehnen, sondern der Einfachheit halber gleich alle Juden auf der Welt.

Holocaustmahnmal, Dokumentationszentrum "Topografie des Terrors", erhaltene und zu Denkmälern umgewandelte Konzentrationslager, Deutschland ist echt top, was Informations- und Erinnerungskultur bezüglich der Schoah betrifft. Ist jedem bekannt, dass die Bundeszentrale für politische Bildung eigens deshalb gegründet wurde, damit alle Bürger Deutschlands lernen, wie Demokratie funktioniert und was Freiheitsrechte sind?

Dresden - Zerstörung und Wiederaufbau

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Vor 25 Jahren hielt Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede im Bonner Bundestag: "Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen."

Man könnte annehmen, dass es nie wieder in Deutschland zu faschistischem oder sonstigem rechtsextremen Gedankengut kommen kann. Weil doch die gegen Rassismus und Diskriminierung vermeintlich immunisierte und fortwährend verwarnte, gemahnte und gedenkende Gesellschaft jeden Verirrten bei lebendigem Leib an die Wand nageln würde.

Vor sechs Tagen versuchte ich mit anderen Demonstranten, Neonazis am Berliner Marsch zu hindern. Die Polizei, ausgestattet mit Kampfhunden, Wasserwerfern, Knüppeln und Schusswaffen war zum Schutz der Nazis vor ungefähr 10000 protestierenden Bürgern beauftragt. Das sind 0,3 Prozent der Berliner, die sich durch Faschisten gestört fühlten und die Straßen blockierten. Nicht einmal ein Drittel von einem Prozent!! Was nützt alles Erinnern?

Fragt Ihre Mely Kiyak.

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Autor:  Mely Kiyak
Datum:  7 | 5 | 2010
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