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Kolumne: Lieber Bundespräsident!

Tausend Tage im Dienst dieser Zeitung und ihrer Leser. Das ist Integration, Alltag – und ein Grund, ein bisschen zu feiern.

Heute ist ein besonderer Tag! Ich gedenke der Leipziger Bürger, die im Sommer 1650 auf die Straße gingen. Sie kauften eine Zeitung. Die weltweit erste Tageszeitung. Noch heute, 360 Jahre danach, erfüllt mich dieser epochale Moment mit Dankbarkeit. Ich denke an die gespannten Blicke auf das Titelblatt. An den Klang einer umgeblätterten Seite. Das Rascheln einer herausgefallenen Werbebeilage.

Doch frage ich auch: Was verbindet uns Zeitungsleser? Was hält uns trotz aller Unterschiede zusammen? Manche lecken sich großzügig die Fingerspitzen und benetzten damit die Seitenecken. Das sieht ekelhaft aus. Manche lassen unansehnliche Exemplare in Wirtsstuben zurück, weil sie nicht wissen, wie man gleichzeitig eine meterlange Holzstange hält und dabei einen Teller Grütze verspeist. Manche resignieren, weil die Zeitung in den Halter derart ungeschickt eingeklemmt ist, dass die Hälfte der Texte unlesbar ist.

Ich weiß, wovon ich rede. Mir schreiben viele Leser ihre Sorgen und Nöte. Sie fragen: Warum schaffen wir die Holzstangen nicht ab? Ich antworte ihnen dann, weil auch an überflüssigen Gebrauchsgegenständen Arbeitsplätze hängen. Weil nicht jeder ein iPad besitzt. Weil sich nicht jede Hartz-IV-Familie ein eigenes Abonnement leisten kann.

Diese Erinnerung an unsere Erfahrungen ist miteinander erlebte Geschichte. Ohne die Entwicklung von der mündlichen Überlieferung zu der ersten Schriftkultur im Orient und der europäischen Druckkunst gäbe es heute keine gemeinsame Zeitungskultur. Mehr als 500 Millionen Menschen auf der ganzen Welt kaufen eine Tageszeitung. Das ist das Erbe der Leipziger. Ihr Mut und ihre Neugier nach politischen Neuigkeiten leitete sie zum großen Schritt auf die Straße. Vom Freiheitshunger zur Sucht nach Pudel-, Pansen- und Promigeschichten hin zur SUPERillu war es später nur ein kleiner Schritt zum Briefkasten.

Manche Unterschiede lösen Ängste aus. 1650 rief das Volk: „Wir sind eine Leserschaft“. Im Laufe der technischen Entwicklung, ich sage nur online, E-Book, Cross Media Publishing oder Content-Syndication, droht die Kluft zwischen Lesern und Usern tiefer zu werden. Ich rufe deshalb den Verlegern zu: „Alles Große auf der Welt entsteht nur, weil jemand mehr gibt, als er muss.“

Wenn mir muslimische Leser schreiben, „Sie sind unsere Kolumnistin“, dann antworte ich aus vollem Herzen, „ja, natürlich bin ich Ihre Kolumnistin!“ Und zwar mit der gleichen Leidenschaft und Überzeugung, mit der ich auch für Stuttgart-21-Befürworter, für Atomstrom-Laufzeitverlängerer und für den Bundespräsidenten schreibe. Wichtig ist nicht, woran einer glaubt, sondern was er liest.

Ich kolumniere auch für die vielen deutschen Leser, die sich tagtäglich normal und unauffällig in die Abonnentenschaft integrieren und über die nie jemand spricht. Aber auch NPD-Wähler können mich mal lesen; sofern sich ihr Intellekt und Humor mit dem Grundsatz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung verträgt.

Mit dem heutigen Wochenende diene ich dieser Zeitung seit 1000 Tagen als Kolumnistin. In diesem Amt geht es nicht darum, ständig Wahrheit zu suchen und zu schaffen. Es geht darum, diese Zeitung zu einem Zuhause zu machen!

Gott schütze unsere Zeitung!

Ihre Mely Kiyak

Autor:  Mely Kiyak
Datum:  8 | 10 | 2010
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