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29. Januar 2010

Kolumne: Lieber Florian Gerster!

 Von Mely Kiyak
In den Talkshows zu Hause: Ex-Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Florian Gerster, sitzt ständig auf dem TV-Sofa rum.  Foto: ddp

Einst verheizten Sie Steuergeld, heute loben Sie moderne Sklaverei am Arbeitsmarkt. Und nun reden Sie mit Anne Will über Moral, Ethik und Effizienz. Von Mely Kiyak

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Sie sind aber auch eine gerissene Nervensäge. Hochachtung! Respekt! Ich wette, Sie baden gerade in Weinbrand und waschen sich die Haare mit Kaviar.

Vorigen Sonntag dachte ich, Mensch, dieser Gerster, lümmelt auf dem Talkshow-Sofa, hat der keine Arbeit? Braucht er was, muss er verliehen werden? Wenig Geld, fieser Chef, wieso nicht für mich arbeiten?

Mely Kiyak ist freie Autorin.
Mely Kiyak ist freie Autorin.
 Foto: FR

Der Reihe nach: Ich schaute Anne Will und hoffte, mir nichts Ekliges dabei einzufangen. Sie redeten über den "atmenden Arbeitsmarkt", Ihr Lieblingsspielzeug. So wie kleine Mädchen verträumt am Schwanz ihrer Diddlmaus zwirbeln, zwirbeln Sie an den Rändern unserer Arbeitsmarktpolitik an den Zotteln der Schwächsten. Sie erklären also Ihre Logik über den Arbeitsmarkt, der, damit er schön atmen könne, Menschen als moderne Sklaven beschäftigen muss. Bis Donnerstag, so hoffte ich, hätte ich meine Gehirngrippe, die ich mir beim Zuschauen einfing, auskuriert. Ich hätte an dem Abend im hohen Bogen ausatmen können.

Mir ist ohnehin schleierhaft, weshalb Polittalkmoderatoren jemanden ins Studio bestellen, der über Moral, Ethik und Effizienz in der Arbeitswelt reden soll, aber gefeuert wurde, weil er bewies, wie man es auch anders machen kann. Nur zur Erinnerung: Sie waren noch für eine Viertelmillion Euro Jahresgehalt plus Dienstwohnung im Luxushotel plus drei Dienstwagen unfähig, Ihren Job als Chef der Bundesanstalt für Arbeit auch nur eine Legislaturperiode lang auszuüben, ohne im hohen Bogen rauszufliegen. So jemanden nennt man einen Nichtbringer. Sich nicht einmal zwei Jahre lang für viel Geld am Riemen reißen zu können, bedeutet, lieber Flori, dass Sie im Niedriglohnsektor unbrauchbar wären.

Beharrlich behaupten Sie, dass Zeitarbeitsfirmen erstrebenswerte Vergnügungstempel wären. Sie würden helfen, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Diese Woche erfuhren wir dann, dass Sie sich gründlich irrten. Die Zahl der Arbeitslosen steigt und steigt, Ihre Meinung bleibt unverändert.

Grund: Sie sind der Präsident des Arbeitgeberverbands Neue Brief- und Zustelldienste. Private Zusteller schließen sich zur "Mail Alliance" zusammen und unterbieten Löhne. Dadurch wird es zu Entlassungen bei der Post kommen. Was aber nicht schlimm ist. Denn schon an der nächsten, schummrigen Ecke wartet ein Kumpanero, der in der Wunderkiste Zeitarbeitsfirma aus ehemaligen Postbediensteten Sklaven in Lohn und Brot bei einem Ihrer neuen lokalen Postzusteller macht. Und Sie immer mittendrin. Wenn es auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders klebrig zugeht, schmieren Sie stets heftig mit. Donnerstag kippten die obersten Richter wegen eines Formfehlers den Post-Mindestlohn. Sicher kommen Sie aus dem freudig erregten Atmen gerade nicht heraus. Wie gesagt, ich vermute Sie in der Badewanne, mit dem einen großen Onkel dem anderen großen Onkel zuwinken.

In Japan nehmen sich Menschen das Leben, wenn Sie öffentlich zurechtgewiesen wurden. In Deutschland treten Sie bei Anne Will auf. Das hat was mit Schamgefühl zu tun. Einst verheizten Sie Steuergelder, heute helfen Sie Unternehmen, Menschen auszubeuten.


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Sozialverträglich wäre es, wenn Sie auf der Stelle keine öffentlichen Auftritte mehr absolvieren würden. Und Ihr SPD-Parteibuch abgeben, Genosse Gerster!

Mit knappen Grüßen, Ihre Mely Kiyak.

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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