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25. Januar 2013

Kolumne: Lieber Herr Thadeusz,

 

was sagt Ihnen Ihr Wintergefühl?

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Ich bin nicht allein. Anderen ist es auch viel zu kalt. Für das paradoxe Entkleiden vor dem Erfrieren gibt es ja bereits den hinreißenden Begriff Kälteidiotie. Der muss allerdings weiter gefasst werden. Jede Jahreszeit kann das Blödmannhafte in mir zutage fördern. Der Frühling mit seiner närrischen Aufbruchstimmung, wegen der ich mich eines Tages sogar noch für einen Nähkurs eintragen werde. Mit dem Knospen der Pflanzen glaubte ich im Jahr 2012 an das Aufblühen bisher ungeahnten Sprachtalents und erwog, Japanisch zu lernen.

Oder der Sommer. In dem die anderen braun werden, während ich mich kochgarnelenartig einfärbe. Wohl wissend und unbelehrbar. Denn ich glaube jeden Sommer aufs Neue, dass ich es in diesem Jahr packe und einen richtigen Teint bekomme. Statt zu verbrennen. Am Winter tröstet es, dass ich mit den Aussetzern nicht allein bin. Richtig schlecht Auto fahren ist so eine Sache, die wir im Winter in größeren Gruppen gemeinsam machen. „Warum fährst du hier innerorts nur 28 Stundenkilometer?“, fragte ich mich kürzlich selbst. Immer noch ein wenig stolz, wie präzise mein recht neues Auto die Geschwindigkeit anzeigt. Aber eben auch meiner Unzulänglichkeit voll bewusst. So langsam, als wolle ich den Schnee auf der Straße auf keinen Fall zu sehr ärgern. Damit er mich bitte nicht ins Schleudern geraten lässt. Der Mann, der verkrampft hinter dem Steuer eines Luxusautos neben mir klemmte, fühlte offenbar ähnlich. Beschleunigte allerdings irgendwann auf immerhin 30. Mein Wintergefühl ist: Wir sind alle nicht normal. Sondern immer am Rand der Verzweiflung. Keine Raserei, wie eben im Sommer, bei Schwüle und nach zu viel hastigem Weißwein.

Es ist eher, wie ich mir den Bewusstseinszustand bei einer Polarexpedition nach tagelangem Schneestapfen vorstelle. „Ach, lasst mich einfach zurück, ich kann nicht mehr!“, drücken Wintermenschen in den alltäglichsten Situationen aus. Der junge Mann in der Kantine, vor mir am Salatbuffet. Er konnte sich nur schwer zwischen Bohnen und Tomaten entscheiden. Aber dann war auch noch der Thunfisch alle. Ich wartete regelrecht darauf, wie in dem drohenden Heul-Ausbruch seine Schultern beben würden.

Draußen herrschen Temperaturen, bei denen jedes kluge Tier schläft. Drinnen nimmt uns die trockene Heizungsluft unsere s Geschmeidigkeit. Selbst in der Berliner Runde nach der Niedersachsen-Wahl saßen ausschließlich Kälte-Opfer. Wo sich sonst die Generalsekretäre unterhaltsam anschreien, hingen jetzt alle Beteiligten einfach nur apathisch ab. Am Schlimmsten vom Gefrierbrand erwischt: Die Geschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke. Schon ihre Frisur hätte allen Warnung sein müssen. Sie ließ ihr Haar eiszapfenartig vom Kopf abstehen. Als ihr die schwarz-gelben Stiernacken ein einziges Mal ins Wort fielen, brüllte sie unvermittelt: „Zuhören!“. Kein Bitte, kein Lächeln, für warme Umgangsformen war es einfach zu kalt. Frau Lemke vertrat zwar die Wahlgewinner, war aber wohl trotzdem am Ende ihrer nervlichen Möglichkeiten. Mein Wintergefühl sagt mir: Viel zu kalte Füße. Versteht sich von selbst, dass ich ihr für die nächste Saison Strümpfe stricke. Sobald es Frühling ist, alle wieder zur Vernunft gekommen sind und ich meinen Strick-Kurs beginnen kann.

Jörg Thadeusz, RBB-Moderator

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