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20. Dezember 2012

Kolumne: Lieber Herr Thadeusz ,

Auch Jörg Thadeusz verfällt in der Vorweihnachtszeit in einen Kaufrausch. Nur dass es bei ihm nicht um Schmuck, CDs oder Bücher geht, sondern um hochwertige Schreibgeräte.  Foto: dapd

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Mach’ doch. Ist doch egal. Sprach die innere Stimme. Und zwar die, die mir auch sonst rät, noch ein Glas zu bestellen, in der verkehrsberuhigten Zone ein bisschen aufs Gas zu gehen, oder am Strand dieser fremden Frau zu sagen, wie schön spack ihr Bikini sitzt. Raus mit der Plastikgeldkarte, fordert die Stimme des Bösen. „Ratsch-ratsch“ macht es im Kreditkartenlesegerät, und er gehört Dir. Alle machen in der Vorweihnachtszeit viel zu viel ratsch-ratsch. Du dann eben auch. Aber dann gehöre ich Anfang Januar zu denen, die die Kontoauszüge aus dem Drucker nehmen und sich mit einem stalingradesken Ausdruck des Entsetzens im Gesicht dem Ausgang der Filiale zuwenden. Soll, Soll, Soll, steht auf den Zetteln, schlimme rote Ziffern und alles nur wegen eines Füllers.

Um den ging es. Nicht irgendein Füller. Die Sonderedition „Albert Einstein“ von Montblanc. Was für ein Meisterwerk der Schreibwerkzeugkunst. So fühlt sich also eine Frau, wenn sie in der Kleinartikel-Hölle von Ikea steht und nur noch vom Haben-Wollen regiert wird. Wenn sie quasi-fiebrig Besteckmatten und Seifenspender betastet und keine andere Realität mehr wahrnehmen kann. Ganz so, als habe sie sich zwischen den völlig überschätzten Buletten in der Schweden-Kantine auf einem der Dessert-Löffel ein wenig Crack erhitzt. Liebe Freunde des “Gender mainstreaming“: Regt Euch wieder ab! Ich kenne schlicht keinen Mann, der in dieser Abteilung des ohnehin problematischen Möbelhauses nicht spontane Prostata-Beschwerden bekommt. Oder eine andere männerspezifische Krankheit. Während Frauen allein durch den Anblick der sooo günstigen Kerzen unmittelbar das Haar wieder glänzt.

Eben genauso stand ich in meinem allerliebsten Schreibwarenladen. Mit funkelnden Haarspitzen und dem „Einstein“ in der Hand. „Naja, das ist auch eine Wertanlage“, umschmeichelte mich die überaus angenehme Fachverkäuferin. Ich traue mich nicht einmal, Ihnen hinzuschreiben, wie viel das Gerät kostet. Ich sehe Menschen vor mir, denen von einem Assistenten die Golftasche hinterhergetragen wird. Die haben bestimmt den Einstein einstecken. Oder Leute, die sich den Schalthebelknauf ihres Porsche von einem Murano-Glaser mundblasen lassen. Gewerkschafter mit lukrativen Aufsichtsratsposten, oder Theaterregisseure, die sich mit Kultursubventionen die Taschen vollgemacht haben. Medienmillionäre wie Stefan Raab und Bushido, oder Auflagenkönige wie Heinz Buschkowsky und Eckart von Hirschhausen. Die könnten den Einstein einfach mitnehmen.

Ich bin wohlhabend genug, aber es reicht nicht für den tollen Füller. Schon gar nicht möchte ich mir aber die Existenzkrise erlauben, warum ich eigentlich kein humorvoller Bezirksbürgermeister geworden bin. Oder ein Fernseharzt, der Bücher darüber schreibt, wie Liebe verdaut wird.

Als ich ohne Einstein wieder im Auto saß und das Radio einschaltete, wurde mir klar, dass ich mir das Großgeschenk zum Glück nicht geschenkt habe. Denn ich muss einen wertvollen Champagner kaufen. Um auf einen Mann anzustoßen, dem ich mit großem Gewinn dreimal zum Interview gegenüber saß. Ich wünsche Ihnen allen gesunde und frohe Weihnachten. Und vielleicht haben Sie auch einen guten Grund, um beim ersten Anstoßen an den unersetzlichen Peter Struck zu denken.

Jörg Thadeusz ist RBB-Moderator.

70 Jahre Frankfurter Rundschau - unser Online-Dossier zum Jubiläum.

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