Sie verlassen Frankfurt. Ich mische mich in die Sache nicht ein. Die letzten Wochen hat das deutsche Feuilleton nicht nachgelassen, darüber zu berichten. Meiner Ansicht nach ist schon jede Facette ausreichend beleuchtet worden. Jeder, wirklich jeder kam zu Wort. Mir bleibt bloß Glück für den Neuanfang zu wünschen und zu warnen. Berlin ist nicht die Stadt der feinen grünen Sößchen nach Geheimrat Goethes Lieblingsrezept. Berlin ist die Stadt der Buletten. Um sich hier ordentlich zu integrieren, muss man etwas bulettig werden. Und wie wird man ein Klops? Indem man vorher kräftig durch den Fleischwolf gedreht wurde!
Für die Frankfurter muss nun dringend eine Lösung gefunden werde. Denn mit Suhrkamp verzieht sich vermutlich nicht nur der Verlag. Was passiert mit den "Frankfurter Poetik-Vorlesungen", die von Suhrkamp mitfinanziert und als Bücher verlegt werden? Immerhin bleibt der Ludwig-Börne-Preis der Stadt am Main erhalten. Heuer bekommt ihn Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Wie jedes Jahr besteht die Jury aus einer Person. Dieses Mal ist es die Publizistin Necla Kelek, die von der FAZ als Autorin beschäftigt und bezahlt wird. Wenn ich mal Jurorin des Ludwig-Börne-Preises bin, schlage ich meinen Boss Dr. Uwe Vorkötter vor, versprochen. Wer war noch gleich der Börne? Nein, er ist nicht der Tatort-Chefpathologe in Münster. Er war ein deutscher Publizist, ein öffentlicher Briefschreiber und verlieh dem politischen Journalismus Witz, Schmackes und Pointe. Mein Leben und Trachten ähnelt Börne auf frappierende Weise. Ich habe mir vor Jahren den Börne-Preis schon selber verliehen. Meine Jurybegründung lautete "Mely Kiyak verwandelt Woche für Woche Regen zu Trinkwasser. Dabei hält sie sich in herausragender Bescheidenheit als Person zurück!" Für das Waisenkind Frankfurt, die untergehende Antike am Main, habe ich eine Idee parat: Die "Frankfurter Vorlesungen zur Poetik des Journalismus". Namhafte Journalisten dozieren über ihre poetologischen Ansichten zum Schreiben in der Zeitung. Gedruckt wird das Ganze als Serie in der Rundschau und anschließend im neuen Frankfurter Verlag Weissbooks. Dessen Verleger Rainer Weiss war zuvor Cheflektor des Suhrkamp Verlages. Die erste Vorlesung könnte Schirrmacher halten: "Von der Verpflichtung als Börne-Preisträger, ein einziges Mal nur im Leben eine lustige Pointe in den Text zu klemmen!" Die zweite gestalte ich: "Heute Lumpen, morgen Smoking. Die Kolumne verkleidet sich als Wahrheit." Die dritte hält mein Boss "Wie schaffe ich es, meiner Schreibe nicht anmerken zu lassen, dass ich meine Kolumnistin bis zur totalen Ohnmacht vergöttere?" Mesdames et Messieurs, ist das ein Vorschlag? Ist das ein Kracher? Ist das ein Börne, äh, "Burner"?
Schirrmacher sagte dem verstorbenen Suhrkamp Verleger Unseld einst nach, dass er die besten Texte linker Intelligenz drucke, dabei aber Wert auf konservative Bürgerlichkeit lege. Letzteres brauchen wir an der Spree nicht. Hier werden die Buletten noch "direktemang ausse Schrippe jequetscht" und die Finger dem Hund zum Ablecken hingehalten. Frau Unseld-Berkéwicz, die Feinheiten bringen wir Ihnen noch bei. Bienvenue in Berlin, Suhrkamp!
Ihre erwartungsvoll um eine Einladung zur Eröffnungsmesse Männchen machende
Mely Kiyak
Mely Kiyak ist freie Autorin.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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