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14. Dezember 2012

Kolumne: Lieber Sylvain Mazas

 Von Mely Kiyak
Ein palästinensischer Junge im Flüchtlingslager Beddawi.Foto: REUTERS

Glück ist im Libanon für Flüchtlinge aus Palästina so geregelt, dass sie keinen interessanten Beruf wie Lehrer erlernen dürfen.

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Das Glück gehört, so viel sollte unter aufgeklärten Menschen klar sein, zum Existenzminimum des Herzens. Doch wie kommt das Glück zustande? 2 500 Jahre lang haben sich europäische Philosophen von Aristoteles bis Heidegger abgemüht, Formeln zu finden. Am Ende landet man immer beim gleichen Rezept. Dem eigenen.
Der Kunststudent Sylvain Mazas, findet, das Glück zu suchen, sei weder gut noch schlecht. Es ist einfach menschlich. Es besteht auch darin, ein geeignetes Diplomthema zu finden. Doch mit welcher interessanten Arbeit soll man sein Kunststudium abschließen, wenn man nichts Interessantes erlebt hat? Er beschließt Arabisch zu lernen und fliegt in den Libanon. Am Ende seiner Reise erscheint sein Buch. Es trägt den einfachen Titel: „Diese Buch sollte mir gestatten, den Konflikt in Nahost zu lösen, mein Diplom zu kriegen und eine Frau zu finden“.
Einfache Ziele sind der erste Schritt im Streben nach Glückseligkeit. Mazas landet in einem Land, über das er genauso wenig weiß, wie über den Nahost-Konflikt. Weil es ihm, einfach gesprochen, zu kompliziert war. Selbst die Frage, ob Arafat ein Palästinenser oder Jude war, gehörte nicht zu seiner Allgemeinbildung. Im Libanon arbeitet er in einem gemeinnützigen Projekt und lernt, dass es sehr einfach ist, Frauen anzusehen, ob sie Christen oder Muslime sind. Denn die einen zeigen ihre Schönheit und die anderen versuchen vergeblich sie zu verdecken. Sylvain skizziert, was er sieht. Er stellt fest, dass Armut und Reichtum oft nur zwei Straßen entfernt voneinander existieren. Und, dass im Libanon palästinensische Flüchtlinge leben. Auch sie wollen glücklich sein. Auch sie wollen, genau wie er, einen schönen Beruf ausüben.

Moment positiver Energie

Doch Glück ist im Libanon für palästinensische Flüchtlinge derart geregelt, dass sie keinen interessanten Beruf wie Architekt oder Lehrer erlernen dürfen. Sylvain reist weiter, packt seine Gitarre ein und besucht palästinensische Kinder im nordlibanesischen Lager Beddawi. Sie lachen und quatschen, aber ganz langsam, denn Sylvain lernt ja noch arabisch. In diesem Lager macht er eine Erfahrung, die viele Reisende im Angesicht von Armut machen. Die aufgeregte Freude der Flüchtlingskinder gegenüber dem fremden Gast. Ihm widerfährt ein Moment positiver Energie, wie es der weltoffene und durch keinerlei politischen Diskurs voreingenommene Glückssucher in 27 Lebensjahren nie zuvor erlebt hat.
Sylvain kommt zurück nach Berlin, zeichnet sein Buch und lässt es von seinen Freunden im Stralsunder Mückenschweinverlag von Hand drucken. Denn Glück ist auch, seinen Beruf zu lieben und zu ehren und ihn mit Sorgfalt auszuüben.
Es hat bislang keine Feuilletonrezension über das Buch gegeben. Für Werbung haben die Mückenschweine auch kein Geld. Das Buch wird auch nicht bei Amazon vertrieben. Sylvain hat nämlich herausgefunden:
„Amazon verlangt nicht 50 Prozent des Buchpreises, weil sie mehr Miete zahlen. Amazon verlangt 50 Prozent des Buchpreises, weil sie 2011 nur 1 152 Millionen Dollar Nettogewinn gemacht haben und die Aktionäre sind der Meinung, es sei nicht genug.“
Trotzdem hat Sylvain über 20 000 Exemplare verkauft. Es hat ganz einfach funktioniert. Einer erzählt dem anderen über Sylvains Suche nach dem Glück. Voilà!
Ihre Mely Kiyak

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