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Kolumne: Liebes Google!

Der öffentliche Raum, den der Internet-Dienstleister fotografieren lässt, hat einen Besitzer. Es sind die deutschen Steuerzahler.

Mely Kiyak ist Gastkolumnistin der Frankfurter Rundschau.
Mely Kiyak ist Gastkolumnistin der Frankfurter Rundschau.

Vor einigen Tagen erlaubte Ihnen der deutsche Innenminister in der Tagesschau, unsere Straßen zu fotografieren, weil das öffentlicher Raum sei.

Aus meiner bescheidenen, unteren Kolumnistenecke schicke ich meinen Protest hoch! Wenn man privat ein Grundstück kauft und ein Haus daraufstellt, ist man auch für die Straße verantwortlich. Man muss den Schnee wegkehren und die Straße barrierefrei halten. Zusätzlich muss man, obwohl bereits Streusand und Schaufel privat gekauft wurden, die Reparatur und den neuen Asphalt der Straße bezahlen. Die deutschen Straßen gehören den deutschen Steuerzahlern. Der öffentliche Raum hat einen Besitzer.

Google ist ein US-Unternehmen, das Larry Page und Sergey Brin gehört. Es finanziert sich durch Werbeeinnahmen, die geschätzte 25 Milliarden Dollar betragen. Zahlt Google in Deutschland Steuern? Beteiligt es sich an den Kosten für die Straßen? Beteiligt es sich an Internetleitungen? Ist Google Teil des öffentlich finanzierten Raums? Müsste es sich nicht erst einmal eine Erlaubnis beim Besitzer des öffentlichen Raums einholen, bevor es herumfotografiert? Nicht mal unsere Regierung darf das.

Wissen eigentlich alle Bürger in diesem Land, dass man schon heute mit der Suchmaschine Google jedes Haus in Deutschland mit den Diensten „Maps“ und „Earth“ anschauen kann? Dass man auf der Karte ein beliebiges Dach anklickt und oft den Namen des Hausbesitzers angezeigt bekommt, obwohl man gar nicht danach gefragt hat? Woher kommen die Daten? Wer hat das Telefonbuch an Google verkauft?

Und wissen alle Menschen in diesem Land, dass die Unkenntlichmachung von Häusern im Internet derart funktioniert, dass man zuvor sein Haus penibel beschreibt? Die Farbe der Fassade, die Form des Dachs, Art, Farbe und Anordnung der Dachziegel. Außerdem verlangt Google den vollständigen Namen und die Adresse. Wenn man in einem Mietshaus wohnt, möchte Google wissen, wie viele Stockwerke es hat und in welchem Stockwerk der Antragsteller wohnt. Nur dann bekommt man ein Formular zugeschickt, in dem man erneut darum bitten muss, dass sein Haus in der abfotografierten Straße nicht veröffentlicht werde. Dafür weiß Google noch genauer als bisher, wer drin wohnt. Aber niemand weiß, ob das langwierige und zwielichtige Verfahren funktionieren wird. Google selbst garantiert nichts.

Neuerdings lese ich bei meinen Kollegen, die digitale Welt sei der pure Traum von Demokratie und Freiheit. Das Internet sei eine tolle neue Familie und lebe von Teilhabe. Kollegen! Ist schon einmal jemandem aufgefallen, dass man von keinem Computer der Welt den digitalen Raum anonym und frei betreten kann? Weiß jeder, dass nur 17 Prozent der Weltbevölkerung einen Zugang ins Internet haben? Dass Informationsvorsprung wirtschaftlichen Vorteil nach sich zieht? Irgendwann zoomt sich eine mächtige Minderheit in die ärmsten Gegenden der Welt und beglotzt anderer Leute staubige Straße, Hütte und Elend. Bei der Gelegenheit kann man ja gleich Ausschau nach dem nächsten, billigen Wirtschaftsstandort halten.

Ist das die Vision von einer freien und besseren Welt, Google? Tut euch doch mit Apple und Microsoft zusammen und verteilt kostenlose Computergeräte und verlegt Internetkabel in die Welt!

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Autor:  Mely Kiyak
Datum:  20 | 8 | 2010
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