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04. Januar 2013

Kolumne: Liebes Jubiläum!

 Von Mely Kiyak
 Foto: dpa

Man kolumniert nicht fürs Geld, sondern für ein klein bisschen Zärtlichkeit. Ich danke für alle Briefe, Blumen und Pralinen.

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Man kolumniert nicht fürs Geld, sondern für ein klein bisschen Zärtlichkeit. Ich danke für alle Briefe, Blumen und Pralinen.

Vor genau fünf Jahren vermählte ich mich mit der Frankfurter Rundschau. Heute ist das Jubiläum. Nach der bescheiden gehaltenen Hochzeitszeremonie – „... diese Frau zu Ihrer Kolumnistin nehmen?“ – bekam ich eine Tüte Merchandising überreicht. Einen Kugelschreiber mit LED-Lampe „FR leuchtet aus!“, eine solarbetriebene Bohrmaschine „FR bohrt nach!“ und noch einen Gutschein für eine FR-ikadellenparty.

Im Hochzeitsvokabular nennt man eine fünfjährige Ehe „Hölzerne Hochzeit“, weil sie Bestand zu haben scheint. Man schenkt deshalb etwas aus Holz. Ich bin gespannt, was die AG Holzschnitz der Zeitung für mich gebastelt hat. Nach zwei Jahren druckte auch die Berliner Zeitung meine Kolumne ab. Mit ihr feiere ich „Lederne Hochzeit“ und habe mein Präsent bereits erhalten. Ein Fensterleder „BLZ -Wir sind zäh!“.

Mely Kiyak
Mely Kiyak
 Foto: FR

Realitätscheck für Politiker

Als junge Kolumnistin hatte ich keine Freunde. Nennt mir heute irgendeinen Politiker – ich besitze die Handynummer seines Sprechers. Das ist das Tolle an dem Job! Die vielen Angebote: „Frau Kiyak, schreiben Sie was dazu? Ich lese vor dem Druck gerne noch mal drüber“. So kommt es, dass ich jeden Freitagabend meine aktuelle Kolumne an sämtliche Parteien, Sender, Verlage, Gewerkschaften, Industrie-, Ärzte-, Apotheker- und Arbeitgeberverbände faxe. Wenn ich von denen ein Okay erhalte, werden unverzüglich die Druckmaschinen angeworfen.

Ich war schon eine Weile Kolumnistin und tauschte in einer Diskussionsrunde mit Wolfgang Bosbach Argumente aus. Er gab den zweitausend Zuhörern folgendes zu Bedenken: „In der Welt der Kolumnisten mag das so aussehen, wie eben von Frau Kiyak angeführt. Wer abends mit einem Glas Prosecco aus seiner Wohnung auf den Gendarmenmarkt blickt, hat den Blick auf die Realität gänzlich verloren.“ Meiner Meinung nach kann man den besten Realitätscheck bei Politikern so durchführen, indem man sie bittet, drei Minuten lang über die Arbeitsbedingungen von Freiberuflern zu referieren. Natürlich gebe ich mich niemals mit italienischer Blubberplörre zufrieden, sondern trinke nur Schampus. Im Übrigen: Wohnung? Ich residiere im Türmchen des französischen Doms!

Nicht Distanz, sondern Nähe

Wie ich einmal im Café Einstein neben einem Minister saß und ein Rührei verspeiste, kam Norbert Röttgen an den Tisch und konstatierte neidisch: „Was, so innig nebeneinander? Gehört sich das für einen Journalisten?“ Das unterscheidet halt den Journalisten vom Kolumnisten. Denn für das Journalieren benötigt man Distanz, für das Kolumnieren die Nähe.

Apropos Nähe. Am nächsten sind mir natürlich meine Leser. Man macht es schließlich nicht fürs Geld, sondern für ein kleines bisschen Zärtlichkeit. Ich danke für alle Briefe, Blumen, Pralinen, Ehrenmitgliedschaften, Kunstwerke, Gedichte, Anekdoten, die ich im Laufe der Jahre erhielt. Ich danke für alle Korrespondenzen, von denen einige seit fünf Jahren treu, unerbittlich und leidenschaftlich andauern.

Die größte Überraschung aber war, als sich der Chefredakteur der Titanic bei mir beschwerte, dass sein Abonnent dem Magazin nach 20 Jahren kündigte. Begründung: das Satireblatt sei „in die Fußstapfen von Mely Kiyak“ getreten. Da öffne ich mir natürlich gleich noch eine Flasche Schampus. Kolumnen schreiben und nebenbei die Titanic ruinieren? Prösterchen!

Ihre Mely Kiyak

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