Die Tageszeitung taz wurde gegründet, weil man der linken Bewegung eine Stimme geben wollte. Links hieß, die herrschenden Verhältnisse umzukehren, unabhängig und alternativ zu handeln. Links hieß, gegen Ausbeutung, für Minderheitenrechte und faire Arbeitslöhne zu kämpfen.
Wo aber ist nun das Links geblieben, wenn bei der taz, der Stimme des guten Gewissens, die hauseigenen Auslandskorrespondenten via Youtube aus Kairo, Brüssel, Paris, Rom und anderen Metropolen für faire Arbeitsbedingungen und gegen Ausbeutung kämpfen? Ausgerechnet bei der taz, einer Zeitung, die zu den wenigen Blättern gehört, die trotz Zeitungsmarktkrise finanzielle Zuwächse verzeichnen. Die Mitarbeiter sollen gekündigt werden und zu neuen Vertragsbedingungen mit geringeren Löhnen wieder eingestellt werden. Ist Lohndumping in einem Niedriglohnbetrieb, wie es die taz ohnehin ist, links? Und wo ist die Solidarität, wenn die „taz-Genossen“ sich gegen die Arbeitnehmer und für ein – nennen wir’s einfach mal: neoliberal orientiertes – Einsparmodell entscheiden?
Können Feministinnen wie Alice Schwarzer, die einmal angetreten sind, um für Frauenrechte zu kämpfen, gegen Verschleierung und gegen das bevormundende Patriarchat sein – und im gleichen Atemzug das Kunststück vollbringen, in ihrer über drei Jahrzehnte währenden Verlagsgeschichte klitorisverstümmelte Kopftuchträgerinnen, aber auch unbetuchte Türkinnen allenfalls als Putzfrauen über ihre Redaktionsschwellen zu lassen, doch keinesfalls als fest angestellte Kolleginnen? Ist das noch links, oder ist da schon ein bisschen rechts drin?
Ist das eigentlich noch rechts, wenn eine konservativ-christlich geprägte Partei zu mehr Toleranz gegenüber religiösen Minderheiten aufruft und mit Ministern und Staatssekretären Ramadan-Essen für Muslime ausrichtet? Ist das noch die gleiche CDU, die Deutschlands Grenzen dichtmachen wollte, damit keine Ausländer reinkommen? Als Helmut Kohl noch regierte, waren die Einwanderungszahlen nach Deutschland so hoch wie später nie mehr. Erst seit Sozialdemokraten und Grüne unterschiedlich mächtig mitregieren, sind die Grenzen dicht wie die Tür zu einem Panic Room. Wo ist denn das Rechts geblieben, wenn es die Konservativen sind, die Muslime als Minister benennen sowie Kongresse und Gipfel zugunsten des besseren gesellschaftlichen Zusammenhalts mit Migranten und Muslimen organisieren?
Ist die SPD noch links, wenn ausgerechnet ein Sozialdemokrat ein Buch schreibt, in dem er wie unter psychopathologischem Zwang beweisen will, dass muslimische Minderheiten an angeborenem Schwachsinn leiden, und die Mehrheit der Genossen ihn vor einem Rauswurf aus der Partei schützen wollen? Und ist es eigentlich noch rechts, wenn eine konservative Kanzlerin aufsteht und den Mann laut und unmissverständlich rügt? Ist es eigentlich noch links, wenn die Ausländerfeindlichkeit dort am größten ist, wo SPD und Linke regieren, nämlich in Brandenburg, und ist es eigentlich noch rechts, wenn eine CDU sich ihrer Revanchisten, angeführt von Erika Steinbach, schämt?
Liebes Links und liebes Rechts, man weiß doch gar nicht mehr, wohin die Wurfrichtung zielen soll. Was ein Tollhaus!
Ihre Mely Kiyak
Mely Kiyak ist freie Autorin.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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