Männer sind lernfähig. Jedenfalls im Prinzip. Ihr Können hängt stark vom Wollen ab - von einigen mustergültigen Sonderexemplaren abgesehen, die über so etwas wie Einsicht verfügen. Grundsätzlich aber stellen sich Männer oft grottendämlich an, wenn sie Wäsche waschen sollen, ohne dass sie verfärbt oder im Trockner auf Kleinstformat schrumpft. Oder sie bestücken die Spülmaschine so, dass uns beim Ausräumen Wasser aus liegend oder stehend, auf jeden Fall falsch einsortierten Gläsern und Tassen entgegenschwappt.
Wir nehmen zu ihren Gunsten an: Es liegt nicht an einem zu niedrigen IQ. Ein genetischer Defekt? Kaum. Es handelt sich um Boykott. Manches wollen Männer einfach nicht können. Weil sie es dann auch machen müssten. Lieber stellen sie sich dumm an. Wir Frauen dürfen zwar mittlerweile Karriere machen, was aber keineswegs bedeuten muss, dass Mann die Hälfte der Arbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung zu übernehmen bereit wäre. Wenn wir meinen, unseren Männern im Job Konkurrenz machen zu müssen: bitte schön. Die Doppelbelastung ist zu viel? Es hat eben alles seinen Preis!
Es wäre also prima, wenn Männer endlich zu richtiger Arbeitsteilung fänden, mithin zu jenem modernen Rollenverständnis, von dem wir Frauen allzu wohlwollend unterstellt haben, sie hätten es längst oder wären auf bestem Wege, es zu lernen. Das aber ist höchstwahrscheinlich nicht das Ziel der eigenständigen "Jungen- und Männerpolitik" im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Vielmehr geht es darum, tatsächliche oder gefühlte Nachteile in Schule und Berufsleben für das ach so starke Geschlecht zu beseitigen. So will Schwarz-Gelb "bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren", um ihnen "erweiterte Perspektiven" etwa in erzieherischen und pflegerischen Berufen zu eröffnen.
Nun hat schon bisher kein Mensch Männern verwehrt, Alte und Kranke zu pflegen oder Kinder zu erziehen, und zwar weder freiwillig zu Hause noch professionell als Beruf. Bloß sind solcherlei traditionell Frauen zugewiesene Aufgaben notorisch unterbezahlt und gesellschaftlich kaum anerkannt. Wenn Männer in weibliche Domänen vorstoßen, dann hauptsächlich, wenn sie dort Starpotenzial für sich wittern. Kaum gelingt dem Mann am Herd einmal die Soße, schwupp, ist er schon Starkoch. Ein Mann als Friseur? Hat beste Aussichten, zum Starfigaro zu avancieren. Eine männliche Direktrice? Kann nur ein Stardesigner werden. Demnächst dürfen wir wohl mit dem Starpfleger und dem Starerzieher rechnen. Den genetischen Defekt haben offensichtlich wir Frauen. Uns fehlt das Wichtigkeitsgen, das uns in den Vordergrund drängeln lässt. Wir wollen einfach nur unseren Job machen.
Seit bekanntgeworden ist, dass Jungens den Mädchen in der Schule bloß hinterherhecheln, was ihre Leistungen betrifft, leidet konservativer Männerstolz. Familienministerin Ursula von der Leyen hat es bisher verstanden, sich bei Forderungen nach gezielter Jungenförderung taub zu stellen. Vielleicht wird das jetzt schwieriger. Vielleicht aber auch nicht. Von Männern haben wir gelernt, dass es besser ist, manches nicht zu können. Eine Frauenministerin soll Politik zugunsten von Männern machen? Kann nur Männern einfallen. Zum Teufel mit der erweiterten Perspektive!
Charima Reinhardt, freie Autorin, war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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