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Kolumne: Mehr als Alpenglühen

Österreich ist klein, aber oho. Ein Nachbar, der in der internationalen Arena über seiner Gewichtsklasse boxt. Von Eckart D. Stratenschulte

Jetzt ist der Gedenkmarathon zum Mauerfall-Jubiläum endgültig eröffnet. Vergangene Woche wurde in Berlin im Beisein des ungarischen Staatspräsidenten und des Bundespräsidenten der Jahrestag der Grenzöffnung in Ungarn vor zwanzig Jahren gefeiert. Die Deutschen statteten den Magyaren Dank ab, und das zu Recht. Was wir oft vergessen, wurde hier noch einmal deutlich: Die Polen trugen durch massive Oppositionsarbeit sehr dazu bei, dass der Beton in Berlin bröckelte und die Mauer brach zuerst in Ungarn. Hier zerschnitt man im Juni 1989 öffentlichkeitswirksam den Eisernen Vorhang und weigerte sich ab September 1989, für die DDR-Führung den Gefängniswärter zu spielen.

Bei all den deutsch-ungarischen Feierlichkeiten zur Grenzöffnung wird leicht vergessen, dass Ungarn und Deutschland gar keine gemeinsame Grenze haben. Westlich von Ungarn liegt Österreich und dorthin ergoss sich der Flüchtlingsstrom. Die DDR-Bürger wurden von den Österreichern - den Behörden wie den Bürgern - freundlich begrüßt und nach Kräften unterstützt, um ihr Ziel Bundesrepublik Deutschland zu erreichen. Sicher, die DDR-Bürger waren im Transit unterwegs, sie stellten die österreichischen Ämter nicht vor dauerhafte Herausforderungen. Dennoch haben diese durch ihre Solidarität dazu beigetragen, dass für viele Menschen aus Ostdeutschland der erste Eindruck vom Westen positiv war. Es wäre also nicht verkehrt, Österreich in den Dank einzuschließen, aber auf die Idee scheint kein deutscher Politiker zu kommen.

Glücklicherweise sind die menschlichen und politischen Beziehungen zwischen den beiden deutschsprachigen Staaten ausgezeichnet. Dass es dennoch gelegentlich grummelt, wird aus einem Buchtitel deutlich, mit dem eine österreichische Diplomatin vor einigen Jahren das deutsch-österreichische Verhältnis beschrieb: "Verfreundete Nachbarn". Tatsache ist, dass wir unser Nachbarland zu wenig im Blick haben, was daran liegen mag, dass wir denken, die Österreicher seien sowieso wie wir und es gebe mithin nichts zu entdecken.

Dieser Eindruck ist falsch. Und Österreich ist auch mehr als Alpenglühen und Sachertorte. Es ist ein modernes Land mit Traditionen und trotz seiner überschaubaren Größe international stark engagiert. Es ist eines der Länder, in denen die Vereinten Nationen einen Sitz haben, die OSZE unterhält in Wien ihr Hauptquartier. Österreich gehört derzeit dem UN-Sicherheitsrat an und ist einer der größten Truppensteller für friedenserhaltende Operationen. Mehr als 60 000 Soldaten, Polizisten und zivile Experten aus dem Alpenland haben in solchen Missionen bislang Dienst getan.

Tatsächlich boxt Österreich in der internationalen Arena also weit über seiner Gewichtsklasse. Auch auf dem Balkan spielt es als Partner für demokratische und ökonomische Entwicklung eine wesentliche Rolle. Die Lebensqualität im Land selbst scheint so schlecht nicht zu sein: Sowohl bei Frauen als auch bei Männern liegt die Lebenserwartung unserer Nachbarn um ein halbes Jahr höher als bei uns.

Vielleicht könnten wir uns bei Österreich für die Hilfe bei der Grenzöffnung 1989 bedanken, indem wir ihm stärkere Beachtung zuteil werden lassen. Davon profitieren wir vor allem selbst. Deutschland mit seinen neun direkten Nachbarn sollte nach allen Seiten aufmerksam sein.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  Eckart D. Stratenschulte
Datum:  15 | 9 | 2009
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