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30. November 2014

Kolumne: Mein Held Biermann

 Von 
Wolf Biermann redet gerne wie hier bei Günther Jauch.  Foto: dpa

Ist man eigentlich für seine Helden verantwortlich? Sind die zumindest für sich selbst verantwortlich? Und was ist dann mit Wolf Biermann?

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Es ist mir unangenehm, Sie damit zu behelligen. Aber ich komme einfach nicht hinweg über Biermann neulich im Bundestag. Diesen dämlich eitlen „Drachentöter“. Das Bild zermürbt mich.

Ich hatte kaum Helden. Keinen Mao, Stalin, Pol Pot, nicht mal Trotzki. Wir waren Sponti-Linke. Wir hatten wenig Freunde. Die DKP fand uns fast noch schlimmer als die CDU. Ich war skeptisch. Ich dachte früh: Man kommt besser klar mit wenigen, handverlesenen Helden.

Und fliegt trotzdem auf die Fresse. Denn Biermann war für mich einer – so mit 14, 15, 16. Sein Summen und Krächzen, sein schepperndes Geklampfe, das ging mir verdammt tief ins Mark. Ich hatte jede Platte und beide Wagenbach-Büchlein. Versuchte sogar, die Songs nachzuzupfen. Oh je. Abends saßen wir bei unserer Deutschlandlehrerin. Der Plattenteller rotierte. Wir summten alles mit und fanden es toll. Ihn toll.

Chausseestraße 131. Soundtrack meiner frühen Politisierung. Mit Biermann, der linken Laus im Pelz dieses ach so spießigen, komplett verhärteten „realen Sozialismus“. Was waren wir perplex, als die DDR ihn rausschmiss. Natürlich hießen wir ihn hochwillkommen. Dunkel erinnere ich ein Konzert im Hamburger Audimax. Dass ich Biermann vom Flughafen abholte (habe ich das nur geträumt?). Dass da Frauen standen und „Wölfchen“ riefen und er das ziemlich gut fand. Er schien in einem klitzekleinen Kosmos zu kreisen.

In den Mainstream gesprungen

Der Westen war nicht seine Wahl. Und hat ihm nicht gut getan. Ich erinnere keinen Song nach 1976, der mich tief bewegt hätte. Verlor ihn aus Aug‘ und Ohr. Biermann sprang in den Mainstream. Irgendwann las ich, er sei nun zum „Chefkulturkorrespondenten“ von Springers „Welt“ aufgestiegen. Was so albern war, dass es schon wieder lustig schien. Aber das Blatt ist ja längst ein Gnadenhof für viele, die einst auf dem linken Ticket reisten.

Nichts langweiliger als Leute, die auf ihre alten Tage nach rechts wegdriften. Natürlich war Biermann für Bushs Irak-Krieg. Im September 2012 lobte er im Radio den alten Kohl: Der habe „die gute Nase gehabt für dieses politische Genie Angela Merkel“. 2013 dann die Schlagzeile: „Biermann will für ,plietsche‘ Merkel CDU wählen“. Sie stand in der „Welt“.

Merkel! Die hatte damals wirklich noch keiner auf dem Radar. Jetzt belobigt sie, einst „Sekretärin für Agitation und Propaganda“ der FDJ, ihn als „einen der größten Dichter und Liedermacher unserer Zeit“. Er wird wohl bald in Bayreuth singen.

Ist man eigentlich für seine Helden verantwortlich? Sind die zumindest für sich selbst verantwortlich? Ich glaube: Es ist Hybris. Der Künstler braucht wohl ein gewisses Maß an Ignoranz, auch an Selbstverliebtheit. Um sich auf sein Schaffen konzentrieren zu können. Und sollte sich doch davor hüten, ein eitles Arschloch zu werden.

Am meisten verstört hat mich, was die Abgeordnete Susanna Karawanskij, 1980 in Leipzig geboren und an jenem Morgen im Bundestag Schriftführerin, zu Protokoll gab: „Herr Biermann ist mit seinem Beitrag fertig und bedankt sich beim Bundestagspräsidenten – schüttelt ihm die Hand, nachdem dieser zum silbernen Hochzeitstag gratulierte. Und dann dreht sich Biermann noch mal um und sagt: ,Sind Sie bei den Linken?‘ Ich nicke. ,Am Gesicht, am Gesicht kann man das erkennen.‘“

Tom Schimmeck ist Autor.

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