GAU nennen wir einen sehr, sehr großen Unfall, den größten anzunehmenden. Das stammt aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung der Kernenergie. Weil die Vorstellung von dem größten aller Unfälle nicht mehr zu steigern ist, ist das beliebte Wort Super-GAU eine unsinnige Übertreibung. Das muss man all den Angsthasen sagen, die sich als Anwohner eines Atomkraftwerks fürchten. Die Betriebssicher-heit solcher Anlagen ist ohnehin sehr hoch, wenn man rechnen kann, wie Statistiker rechnen. Danach ist nämlich der Schaden ein Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß.
Konkret: Nehmen wir ein kleines, schnuckeliges Blockheizkraftwerk, das ab und an oder gar regelmäßig böse qualmt, so haben wir einen geringen Schaden mit einer hohen Eintrittswahrscheinlichkeit. Der Schaden aller Öko-Öfchen kann insgesamt, also im mathematischen Produkt, viel höher sein als der einer kerntechnischen Anlage. Denn eine Kernschmelze ist extrem unwahrscheinlich, Na ja, aber wenn, dann ... Dann sprechen wir vom China-Syndrom. Der Reaktorkern frisst sich durch Mutter Erde, bis er auf der anderen Seite, in China eben, wieder rauskommt.
Für solchen Humor muss man beim RWE arbeiten oder als Ingenieur geboren sein. Auch hinter der unabweisbaren Mathematik der Risikostatistiken wittern Gegner der Atomenergie Zynismus. Um dem zu entgehen, hat die politische Klasse ein Zauberwort erfunden, Brücken- oder Übergangstechnologie. Die Laufzeiten auch alter Atomkraftwerke werden verlängert, weil das Paradies aus alternativen Energien leider, leider noch nicht fertig ist. Aber eines Tages, da werden wir alle von Mutter Sonne und Vater Wind leben. Das ist wie im Frühjahr oder Herbst, da trägt man einen Übergangsmantel, wenn es noch kalt ist und die Sonne schwach.
Mit der Brückentechnologie des Kabinetts Merkel werden die Laufzeiten deutscher Reaktoren auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verlängert. Mich persönlich stört daran nicht die Sicherheitsfrage. Ich habe vor den Dingern keine Furcht. Der Super-GAU liegt in dem, was es das ökonomisch heißt. Diese Kraftwerke haben sehr geringe Brennstoffkosten. Wenn die Anlage einmal bezahlt ist, laufen sie zu Cent-Beträgen. Der so erzeugte Strom ist derart billig, dass er am Markt alle Alternativen erdrücken wird. Es lohnen sich keine Kraftwerksinvestitionen, egal ob in Kohle, Gas oder welche alternative Energie auch immer. Der Super-GAU der Regierung Merkel/Westerwelle ist die Planierung der gesamten Energiewirtschaft. Die dicken Nuklearpötte der dicken Nuklearbetreiber bekommen einen Wettbewerbsvorteil, der uneinholbar ist.
Das Gejaule wegen der Entsorgung ist verständlich, geht aber am Problem vorbei. Auch bei einer gelösten Endlagerungsfrage ist der ökonomische Vorsprung des Atomstroms vor allen anderen so groß, dass diese nur mit gesetzlichem Bestandsschutz noch leben können. Das Gesetz für Erneuerbare Energien, klagte mir ein Eon-Manager, koste uns jährlich zehn Milliarden Euro. Aber eine solche Förderung der grünen Energiewende muss ja nicht ewig halten. Gesetze kann man ändern. Eine Konkurrenz zum Strom aus alten Atomkraftwerken wird wirtschaftlich nicht möglich sein. Deshalb bleibt den kommunalen Versorgern auf eine Ewigkeit nur der Canossa-Gang nach Biblis und Krümmel. Das ist der Super-GAU.
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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