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18. Februar 2013

Kolumne: Nicht aus Fleischeslust

Tiefkühl-Lasagne. Foto: REUTERS

Von Lasagne gibt es keinen Plural! Das ist wie bei Frühstück, bei Durchfall und bei Jesus.

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Eigentlich wäre ja alleine schon diese Pluralbildung ein Anlass für eine Kolumne. Stand doch am Samstag gegen zwölf Uhr auf der Teletext-Seite der ARD geschrieben: „180.000 verdächtige Lasagnen“.
Hm. Ich war irritiert. Denn man weiß ja, dass sich die Deutschen traditionell schwertun mit der Mehrzahlbildung italienischer Speisenamen und gerne zur Doppelung neigen. Man denke nur an Zucchinis, Tortellinis, Raviolis oder Scampis. Aber Lasagnen? Ein sprachgelehrter italienischer Freund half mir etwas weiter. Eigentlich sei Lasagne bereits ein Plural, und zwar jener von Lasagna, das sei ursprünglich aber die Bezeichnung für eine Bandnudel gewesen. Der Duden hingegen behauptet, Lasagnen zu sagen, sei rechtens. Einspruch! Seit das Grimme-Institut das Dschungel-Camp für einen Preis nominierte, glaube ich überhaupt keinen Gremien mehr – zumal der Duden auch den Ausdruck Pizzen gutheißt. Käse! Das heißt Pizze! Punkt! Also, liebe ARD, ich verkünde: Von Lasagne gibt es keinen Plural! Das ist wie bei Frühstück, bei Durchfall und bei Jesus.

Und es ist nicht das Einzige, was diese drei Begriffe verbindet. So können ein Frühstück und ein Durchfall durchaus Pferdefleisch enthalten. Bei Jesus hingegen ist die Fachwelt gespalten. So sehr man sich einig ist, dass er über Seen gehen konnte, Wasser zu Wein machen und Blinde sehend, so sehr ist man sich in dieser Frage uneins. Dennoch vertreten nicht wenige Theologen die These, Jesus könnte durchaus Pferdefleisch enthalten haben. Einige Radikalexegeten schließen es sogar nicht aus, dass er ein Haflinger gewesen sein könnte. Dafür sprächen auch Indizien aus der Volkskunst, wie etwa der alte Schlager von Bruce Low „Es hängt ein Pferd im Halfter an der Wand“.

Ich weiß ja nicht so recht, aber darauf wollte ich sowieso nicht hinaus. Lieber zurück zum Durchfall. Denn es ist doch sehr viel wahrscheinlicher, dass einen ein solcher ereilt, wenn man nicht Pferdelasagne isst, sondern ein beliebiges, angeblich genießbares anderes Fertigprodukt. Wer einmal – etwa in Haft oder in einer Betriebskantine – gezwungen war, ein Nahrungsmittel wie Frühstücksfleisch, Scheiblettenkäse, Fischstäbchen oder Supermarkt-Fleischsalat zu sich zu nehmen, der weiß Bescheid. Da wünscht man sich doch unweigerlich einen kräftigen Durchfall herbei, damit der ganze Scheiß schnell wieder raus kommt.

Aber nee, davon spricht mal wieder niemand. Schnell ist Volkes Seele erzürnt und beschimpft die sogenannte Fleischmafia. Dass die uns aber auch so was Böses antut!
Doch warum tut dies die Fleischmafia? Nicht aus Fleischeslust, sondern weil sie damit Geld verdienen kann. Und warum kann sie damit Geld verdienen? Weil wir den Dreck fressen, den sie uns liefert. Und weil wir nicht genug davon kriegen können. Und weil wir überall hinrennen, wo das Kilo Gulasch noch drei Cent billiger ist als anderswo. Auf Qualität achtet da niemand. Es sei denn, im Billigfraß werden Spuren von Pferd gefunden. Da sind Ekel und Empörung plötzlich groß. Die Lösung wäre mal wieder gleichermaßen einfach wie dem Volke unmöglich beizubringen: Weniger Fleisch essen, dafür gutes und teureres. Von mir aus auch Lasagnen. Aber mit Zutaten erster Güte. Und in diesem Fall auch gerne mit Pferdefleischen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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