Als ich jung war und feste Überzeugungen hatte, da gab es für mich fortschrittliche Themen und rückschrittliche. Ich wollte mich nicht für das interessieren, wovon die Generation meiner Eltern sprach. Das Rollenmodell Heinz Rühmann war uns diskreditiert, eine Neuauflage jener Vorkriegsideale, die sich auch im Faschismus erfüllt sahen. Die bürgerliche Kleinfamilie mit Mama am Herd und Papa in der weiten Welt, eine monogame Aufzuchtgemeinschaft von christlichem Nachwuchs und Nexus des Anständigen, dieses Ideal gehörte auch zu dem, was uns stank.
Wer zweimal mit der Gleichen pennt, habe ich mit achtzehn gesagt, gehört zum Establishment. Wir waren nicht so wild, wie wir redeten, aber wir redeten wenigstens wild. Ehrlich gesagt: sex, drugs-n rock-n roll, das ist ja auch spannender als das, was in unserer Jugend die Klatschspalten füllte und die Eltern beschäftigte: Onassis und Maria Callas, zum Beispiel. Wobei es aus heutiger Sicht bei Onassis und der Callas wohl eher um Sex und Drogen ging, als bei den Flower-Power-Anthroposophen, mit denen ich mich umgeben habe.
Aber geschenkt. Die Generation Joschka Fischer wurde durch Bob Dylan und Che Guevara bewegt und trat in Turnschuhen zur Vereidigung an. Jetzt füllt die Gattin von Joschka die Klatschspalten der Bild, zum Wohlgefallen des Springerblatts. "Keine Party ohne Minu Barati" lesen wir im Boulevard und lernen, dass Fischers Frau Minu Barati (33) auf allen Partys im hippen Berlin im Mittelpunkt stehe. Der 61-jährige Fischer ist auf den Societyfotos seiner Gattin nur noch als kleines Foto eingeblendet.
Was genau mir nicht gefällt? Nichts gegen Joschka und seine erwachsene Minu. Despektierlich sind mir diese generationsübergreifenden Affären, die nah an das Tabu der Kinderliebe rühren. Mir hat früher schon nicht imponiert, dass der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe seine 13-jährige Cousine ehelichte. Sollte ich das heute anders sehen? Man wird älter, aber muss man dann wie ein Berlusconi-Idiot in den Armen eines Mädchens erwischt werden, das jünger als die eigenen Kinder ist, also mit einer Mätresse aus der Generation der Enkel? Jedenfalls berührt mich eigenartig die stolze Pose der alten Männer mit den Kindfrauen. Das ist eine Frage der Würde, ja der Menschenwürde und der politischen Kultur. Die Liebe mag hinfallen, wo sie will. Und Woody Allen mag nach der Scheidung von seiner Frau als Nächstes die gemeinsame Adoptivtochter heiraten. Aber wer solche persönlichen Beziehungen zum Bestandteil seiner politischen Inszenierung macht, der muss sich die Würdefrage stellen lassen. Mit Lolita an die Macht? Ekelhaft!
Mit großem Respekt vor der italienischen Verfassung und ungebrochener Liebe zum italienischen Volk und seiner Kultur spreche ich deshalb vom Berlusconi-Idioten. Solche Rollen als Freiheiten der Chevaliers für bewundernswert zu erklären, nötigt mir keinen Respekt ab. Bewundernswert finde ich Eltern, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Sie erziehen und gedeihen lassen. Ein nerviges, teures Unterfangen, aber das einzige, das ewige Jugend schenkt, nämlich in Gestalt der Nachkommen, die aus Elternliebe Eigenständigkeit und Zukunft schöpfen. Und genau solche Sätze sind es, vor denen ich mich mit achtzehn geekelt hätte. Ich bin heute klüger durch das schlechte Beispiel der Lolita-Greise in der Politik.
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.