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Kolumne: Pirat oder Pazifist

Frieden schaffen ohne Waffen. Idylle genießen. Das ist nur ein Kindertraum, bestenfalls ein Urlaubsideal.

Klaus Kocks ist Meinungsforscher und Kolumnist der FR.
Klaus Kocks ist Meinungsforscher und Kolumnist der FR.
Foto: FR

Urlaub in Griechenland. In Athen Stadtwanderung ins Studentenviertel. Hier hatte über Weihnachten ein Aufstand getobt. Die Fernsehbilder zeigten Szenen wie 1968 in Berlin. Der Touristenblick sucht nach Spuren der Revolte. Geht es nach der revolutionsromantischen Fantasie, riecht es noch immer nach Brand und Tränengas. Diese tolle Jugendrevolte. Larmoyante Erinnerungen werden wach. Wie zu unseren guten alten Zeiten nach dem Pariser Mai. Auf den Inseln angekommen, umgibt den Touristen Seeräuberromantik. Danach haben sich die Stadtmenschen gesehnt. Ältere Herren fühlen sich wieder wie junge Bengel. Mein Blouson zeigt, nicht ganz altersgemäß, Totenschädel und gekreuzte Knochen der Freibeuter. Störtebeker, das heißt: Stürz den Becher! Prost!

Auf einer Insel in der Ägäis fühlt man sich tatsächlich dem Paradies nah. Strände mit sauberem Sand, eine salzig frische Luft und oben am Berg das Städtchen; hier herrscht Frieden - in luftiger Höhe, den Wolken nah. Nachdem man den erloschenen Vulkan zum dritten Mal mühevoll erklommen hat und die Beine schmerzen, fragt man sich, was der Quatsch soll. Warum baute man früher die Häuser an die verstiegendste Stelle, an das Ende aller Eselspfade? Aufzüge oder Seilbahnen gab es nicht. So viel Schinderei, bis man endlich oben ist. Die schöne Aussicht kann's doch nicht gewesen sein.

Man kommt zu Verstand. Von wegen Idylle. Von wegen die guten alten Zeiten. Furcht und Angst, Todesangst hat die Inselbewohner hierauf getrieben. Das Mittelmeer war ein von Piraten und feindlichen Völkern verseuchter Raum. Es wurde gebrandschatzt, gemordet und vergewaltigt. Heute von jenen, morgen von denen. Was wir nun verwundert von der Küste Somalias im Fernsehen sehen, war in diesem Paradies an der Tagesordnung. Die Freibeuter Europas waren nicht besser als die Afrikas. Im "mare nostrum" blühte mit Handel und Wandel Krieg und Verbrechen.

Nach dem dritten Ouzo leuchtet ein, dass Sicherheit und Frieden kulturhistorisch Ausnahmezustände sind. Ich erinnere mich an ein Wort des früheren US-Botschafters in Berlin. Deutschland sei, sagte John C. Kornblum, bisher vor allem ein Konsument von Sicherheit gewesen. Und müsse wohl, das sehe auch Barack Obama so, zu einem Produzenten werden. Er hat wohl recht. Aber ich kriege dieses "Frieden schaffen, auch mit Waffen" schlecht durch den Hals. Als junger Mann habe ich den Kriegsdienst verweigert. Wirklich aus Gewissensgründen, aber wohl ein wenig auch, weil es in meinem Milieu als politisch korrekt galt. Zum Bund gingen damals die Dummen und die Rechten. Vor dem Ersatzdienst habe ich mich gedrückt. Worauf ich nicht mehr stolz bin. Ein Schickeria-Verhalten. Hätte ich mich in grauer Vorzeit hier in der Ägäis an den Strand gelegt, bis die Freibeuter mir den Hals durchschneiden?

Drei Ouzo weiter weiß ich, wo ich zu Hause lebe, auf einem Fels des Friedens in einem Meer der Gewalt. Plötzlich haben die Störtebekers nichts Romantisches mehr. In einer Zeit, da irre Fanatiker Flugzeuge in Gebäude lenken und die Truppen der Freiheit die "rechtsfreie Internierung" betreiben, verliert der zigarrenrauchende Che seinen Sex-Appeal. Und doch sehe ich mich lieber mit Piratenkopftuch als mit den Gold bewehrten Schulterklappen des Militärs. Im Herz Pirat, im Kopf Seelord. Das ist doch nicht normal!

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Autor:  KLAUS KOCKS
Datum:  20 | 1 | 2009
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