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Kolumne: Polanski und die Jesuiten

Die Ehrung des Regisseurs auf der Berlinale kam zur falschen Zeit und stimulierte die falschen Reaktionen. Von Herfried Münkler

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: FR

Sexuelle Gewalt an Kindern gilt in unserer Gesellschaft als eine der scheußlichsten Untaten, und dementsprechend heftig sind die Reaktionen, wenn derlei periodisch bekannt wird. Offenbar kommt es aber darauf an, wem solche Taten zur Last gelegt werden.

"Normale" Vergewaltiger können sicher nicht mit der verständnisvollen Nachsicht rechnen, die dem amerikanischen Regisseur Roman Polanski jetzt seitens der Jury und des Publikums der Berlinale zuteil wurde und mit der offenkundig auch die sexuellen Vergehen katholischer Priester und Ordensleute über Jahrzehnte von Seiten ihrer Kirche gedeckt und vertuscht wurden.

Immerhin wurde Polanski in Berlin für die Regie des Films "Ghostwriter" der Silberne Bär verliehen, und von Unmutsäußerungen des Publikums bei der in Abwesenheit des Geehrten erfolgten Preisverleihung ist nichts bekannt geworden. Im Gegenteil: Einige Stars und Sternchen konnten sich nicht genugtun, ihr Mitleid mit dem in seinem Schweizer Chalet unter Hausarrest gestellten Polanski zu bekunden.

Jahrelang hat sich der in den USA verurteilte Regisseur durch seinen Aufenthalt in Europa der Strafe entzogen - bis ihn die Schweizer Polizei vor einigen Monaten bei der Einreise zu einer Preisverleihung überraschend festnahm und den internationalen Haftbefehl vollstreckte.

Von Unverständnis bis Empörung reichte damals die überwiegende Reaktion der Künstlerszene. Die Jesuiten, die sich an ihren Schutzbefohlenen vergangen haben, dürfen mit solcher Nachsicht in der Öffentlichkeit nicht rechnen, sehr wohl aber mit der schützenden Hand ihres Ordens. Darin ähneln sich nicht nur die Taten, sondern auch die "verständnisvolle" Reaktion der jeweiligen Szene oder Organisation, in der die Täter verankert sind.

So ist es auch den Jesuiten des Berliner Canisius-Kollegs gelungen, sich der Strafverfolgung zu entziehen, weil sich niemand gefunden hat, der den offenbar seit langem zirkulierenden Verdacht bei der Polizei oder der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht hat.

Die Solidarität der Ordensbrüder war größer als ihr Verantwortungsgefühl gegenüber den Kindern und Jugendlichen. Also wurden Ermittlungen und Verfahren so lange verhindert, bis die Taten verjährt waren.

Doch ebenso empörend wie die Vertuschungsstrategien des Jesuitenordens ist die Beifallskundgebung der Filmszene für Polanski, in der dieselbe niederträchtige Kumpanei zum Ausdruck kommt. Der einzige Unterschied ist vermutlich, dass die Szene dabei auch noch ein gutes Gewissen hat. Oder gar keines.

Polanski mag die Auszeichnung für seine Regie verdient haben, und Sexualdelikte schließen nicht aus, dass einer ein großer Künstler ist. Aber die Auszeichnung erfolgte mit Sicherheit zur falschen Zeit, und vor allem stimulierte sie falsche Reaktionen.

Zweifellos hätte die Filmszene ganz anders reagiert, wenn ein lateinamerikanisches Land sich geweigert hätte, einen Ex-Lehrer des Canisius-Kollegs an Deutschland auszuliefern, und der Papst verkündet hätte, er habe dem Sünder vergeben.

Doch was Polanski recht ist, muss einem Jesuiten billig sein. Starregisseur oder Mann Gottes - die Grundsätze des Rechtsstaats gelten für alle in gleicher Weise, und sie müssen gegen Künstler wie Priester auch in gleicher Weise durchgesetzt werden, Berlinale hin, Jesuitenorden her.

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor:  Herfried Münkler
Datum:  24 | 2 | 2010
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