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08. September 2008

Kolumne: Purchen ist menschlich

 Von CHARIMA REINHARDT
Charima Reinhardt, freie Autorin, war stellvertretende Sprecherin der rot-grünen Bundesregierung.  Foto: FR

Mein Denglisch II-Kurs geht in die Gegenoffensive zu Anglizismen in der deutschen Sprache - und erfindet ein neues Wort. Von Charima Reinhardt

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Wer ein wenig "googelt" (ja, ja schon wieder so ein Wort, aber sehr schwer einzudeutschen), dem fällt schnell auf, dass die sprachliche Unterwanderung keineswegs nur einseitig vom Englischen ins Deutsche stattfindet. Umgekehrt gibt's das durchaus ebenso, und das kann ins unseren Ohren ziemlich merkwürdig klingen.

Besonders, wenn es ums leibliche Wohl geht, finden sich Parallelen. Die noodle klingt verdächtig nach unserer guten alten Nudel, beer nach Bier, kohlrabi und bratwurst sind uns gut bekannt, ebenso rustikale Genüsse wie rollmop, (Wiener-) Schnitzel und sauerkraut, kraut sowieso, das zugleich als Synonym für uns Deutsche herhalten muss. Zum kraut mit bratwurst vielleicht ein pils, und das alles bei einer Verabredung im beer garden?

Auch unrühmliche Kapitel deutscher Geschichte und ein Gefühl, das wir bis heute leicht auslösen in der Welt bleibt im englischen Sprachraum oft ohne Übersetzung: angst. Aber ebenso kriegsspiel, blitzkrieg, Wehrmacht, Nazi, vogelfrei, berufsverbot bis hin zum poltergeist - um nur einiges zu nennen, entlehnt der dunklen Seite der deutschen Seele. Zum Glück haben wir das bayerische Brauchtum, es rettet - sprachlich gesehen - unser Ansehen in der Welt und kündet vom Vorhandensein eines gewissen Frohsinns. Beer garden, pils und kraut hatten wir schon, bisweilen üben wir to yodel (jodeln) und hernach: Let's abseil (to abseil = sich abseilen).

Aber lassen wir das. Die wahre Herausforderung ist der zweite Teil der heutigen Lektion: die Erfindung eines neuen Wortes. Kommentare haben Sie zahlreich geschickt zum Thema, darunter fand sich auch der Vorschlag: Statt "fr-online.de" könne diese Zeitung die deutsche Übersetzung "fr-auf-draht.de" verwenden. Hübsch, wirklich hübsch. Ein neues Wort erfunden hat aber keiner von Ihnen, was zugegeben schwierig ist - im Grunde für einen allein eine kaum zu bewältigende Herausforderung.

Am ehesten funktioniert das in entspannter Stimmung im Kreise fantasiebegabter Freunde. Wir haben im Urlaub den Selbstversuch gemacht. "Unser" Wort, erfunden in lauer Sommernacht auf einem idyllischen Fleckchen Erde in Italien, ist das Ergebnis eines heiteren Geplänkels über ein sattsam bekanntes Problem: Er schnarcht nachts, sie kann nicht schlafen. Uns stellte sich die keineswegs nahe liegende Frage, wie es zu nennen sei, wenn während des Schnarchens an einer anderen Stelle des Körpers Luft entwiche, unfreundlich als "furzen" oder verniedlicht als "pupsen" bezeichnet. Beides beklagenswert unschöne Beschreibungen für diesen völlig unbeabsichtigten, oft geräuschlosen, laut nur allein lustvoll ausgeübten allzu menschlichen Vorgang.

Ohne auf die Albereien beim Wortfindungsprozess näher einzugehen: Wir haben uns für den unwahrscheinlichen Fall der Dualität der beschriebenen Ereignisse auf die Bezeichnung "purchen" geeinigt. Ein Wort, das sich nicht zwingend ergibt, aber der Sache die Peinlichkeit nimmt.

Später in der Nacht rüttelt unsere Freundin an ihrem wie so oft schnarchenden Mann, woraufhin dieser verschlafen fragt: "Was ist, hab ich etwa gepurcht?" Ihr Lachanfall weckt ihn endgültig auf und so wogt schließlich beider Lachen durchs geöffnete Fenster. Seither flüstert sie ihm nur noch zärtlich ins Ohr, wenn er schnarcht: "Du alter Purcher, du!"

Charima Reinhardt, freie Autorin,

war stellvertretende Sprecherin

der rot-grünen Bundesregierung.

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