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Kolumne: Raubtierkapitalismus oder Streichelzoo

Fürsorge statt Freiheit. Das war das Motto einer dahinschmelzenden SPD. Die Sozialdemokraten haben sich selbst verloren. Schluss mit Kuscheln. Kommt jetzt der Überlebenskampf? Von Klaus Kocks

Wer kann die SPD jetzt noch retten?
Wer kann die SPD jetzt noch retten?
Foto: dpa

Alle Parteien versuchen es jetzt wieder mit Wohlfühlpolitik. Schon im Wahlkampf war vor sozialer Kälte gewarnt worden. Selbst die ehedem neoliberale FDP deutet soziale Wärme an. Mit dem Kuschelgebot will man weitere Frustrationen oder gar Rebellionen vermeiden, wie sie die Ankündigung von Reformen seit Schröders Basta-Regnum auslösen.

Politiker-Motto: Lieber lächeln und lügen als Opfer unangenehmer Wahrheiten zu werden. Die politische Klasse ist feige, weil wir es als Bürger sind. Folglich werden die symbolischen Infrarotstrahler angestellt im Streichelzoo Deutschland.

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Foto: FR

Erinnern Sie sich noch an Knut? Knut, der süße kleine Eisbär, der von Sigmar Gabriel, dem damaligen Umweltminister, adoptiert wurde. Das machte weltweit Schlagzeilen. Das entsprach der Seele der Nation: Kuscheltier-Romantik. Warum mir der Hype im Berliner Zoo ausgerechnet jetzt einfällt?

Die Zeiten haben sich doch geändert: Knut ist erwachsen und ein begattungsfähiges Raubtier. Sein Antlitz zeigt kein Babyschema mehr, das Mutterinstinkte wecken könnte. Und Sigmar Gabriel ist nicht mehr mit Frau Merkel in einem Kabinett. Er bildet mit Frau Nahles das neue Spitzenduo der SPD und darf mit seinen Genossen darum ringen, was künftig sozialdemokratisch sein soll.

Die SPD-Vorsitzenden seit 1946

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Nahles füttert brav linkes Müsli

Die Sozis haben sich selbst verloren. Müntefering hat die Partei intellektuell entleert. Nachfolger Gabriel horcht nun in die Basis und hat ein Wiedersehen mit Knuts Welt. Vor die Alternative zwischen freier Wildbahn und dem Leben hinter Gittern gestellt, wollen die Sozis in den Zoo.

Der Raubtierkapitalismus soll den Neoliberalen gefallen. Sie aber zählen sich nicht zu den Löwen und Tigern in Herrgotts Wildleben, sondern eher zu den Bambis und Kaninchen. Solange das Futter stimmt, hockt der deutsche Meister Lampe gern im Stall. Und Mutti Nahles, die neue Frau an Gabriels Seite, füttert brav linkes Müsli.

In der Tat sind die modernen Freigehege bei Hagenbeck für die Freunde des Sozialstaats von visionärer Kraft. Man kann sich angstfrei in einer natürlich gestalteten Idylle bewegen. Es gibt Kletterfelsen und einen Wassergraben zum Planschen. Vor allem kommt dreimal täglich der Pfleger mit erlegtem Fleisch und Möhrchen.

Sozialdemokratische Sozialstaatsidylle

Einmal die Woche schaut auch der Tierarzt vorbei, ohne Praxisgebühr, versteht sich. Und für das Familienleben und allfälligen Sex werden einem hinter den Gitterstäben, die die Welt bedeuten, die Weibchen aus anderen Zoos zugeführt. Zur Unterhaltung gibt es statt Super RTL jenseits der Stäbe täglich neu die Show dummer Gesichter, die verzückt glotzen. Mal ehrlich, was will man mehr?

Jedenfalls nicht die sogenannte Freiheit der Raubtiersavanne mit dem Kampf aller gegen alle. Die Vision der Sozis vom freien Leben und einer gerechten Gesellschaft ist die Sozialstaatsidylle. Man will entmündigt bleiben, wenn sich Papa Staat nur zu kümmern bereit ist. Auch weil man tief im Herzen froh ist, Bambi oder Kaninchen nicht Löwe oder Schakal zu sein.

Gabriel soll nun erklären, dass dieses schwedische Modell der staatsgeschützten Idylle am Ende ist. Er muss damit drohen, die Käfige zu öffnen. Ob ihm die Kaninchen folgen? Wird die SPD jetzt Freiheit und Recht über die Illusion einer allseitigen sozialen Gerechtigkeit stellen? Ich hoffe es. Ich befürchte aber, er wird scheitern. Seine Wähler wollen nicht verstehen, dass es sich ausgeknutscht hat.

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Autor:  Klaus Kocks
Datum:  11 | 11 | 2009
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