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21. August 2012

Kolumne: Rechts und links

 Von Götz Aly
Die Rechtsextremen haben immer mehr Zulauf aus den Reihen der Linken als aus dem Lager der gemäßigten politischen Rechten. Foto: dapd/Archiv

Linke Parteien verloren und verlieren regelmäßig mehr an die Rechten als konservative oder liberale. Dabei wandelt sich derselbe Wähler – nach einer Schamfrist des Nichtwählens – vom sozialistischen zum rechtsradikalen Wähler.

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Nachdem wir die rechten Winkelchen im Osten unseres Vaterlands herangezoomt haben, greifen wir heute zum Weitwinkelobjektiv. Nach westeuropäischer Erfahrung erstarkten rechtsradikale Parteien stets dort, wo in den 1960/70er-Jahren Sozialdemokraten oder Kommunisten ihre Hochburgen wähnten. Das galt für die NPD in der Ex-BRD, für die Haiderbewegung in Österreich und den Front National in Frankreich.

Linke Parteien verloren und verlieren regelmäßig mehr an die Rechten als konservative oder liberale. Dabei wandelt sich derselbe Wähler – nach einer Schamfrist des Nichtwählens – vom sozialistischen zum rechtsradikalen Wähler. Für die Vorkämpfer der Revolutionen von 1989/90 unerwartet und enttäuschend – aber mit eiserner Logik – setzte sich diese Tendenz mit dem Untergang des kommunistischen Blocks fort.

Bald wurde sichtbar, wie leicht nationalistische und sozialistische Strömungen zusammenflossen. Wer die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien analysiert, den Neonationalismus in Russland, in den baltischen Staaten oder in Ungarn, der sieht, wie sehr sich die damit verbundenen politischen Formationen aus ehemaligen Kommunisten rekrutierten.

Dass es in der ehemaligen DDR nicht noch schlimmer kam, bleibt das geschichtliche Verdienst der PDS. Unter bestimmten politischen Temperaturen und Druckverhältnissen fusionieren die Wünsche nach ethnischer (religiöser, sprachlicher, kultureller) und nach sozialer Gleichheit. Daraus entstehen dann neue, explosivere Verbindungen wie nationaler Sozialismus oder Nationalbolschewismus.

Dieselbe Transformation ins Nationalistische machten auch die meisten antikolonialen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt durch. Gleichgültig, ob rechts, links oder schon fusioniert, vereint alle diese Bewegungen der Hass auf individuelle Freiheit – ausgedrückt im gemeinsamen Hass auf die USA. (Manches spricht dafür, dass der neuere arabische und islamische Nationalismus ähnliche Tendenzen aufweist.) Führer und Gefolgsleute der Nationalisten wie der Sozialisten verstehen unter Freiheit immer kollektive Freiheit.

Den Freiheitskrieg gegen die Feinde, die Freiheit vom Kapitalismus, vom angeblichen Wirtschafts- und Kulturdiktat der anderen, damit die Sonn’ ohn’ Unterlass auf ein harmonisch vereintes Völkchen der Gleichen scheine. Man mag einwenden, dass die volkskollektivistische Gleichheitsidee pervertiert und Gleichheit untrennbar mit individueller Freiheit verbunden sei. Das gilt gewiss für die Theorie. Ebenso gewiss gilt, dass die Praktiker des Egalitarismus kaum je ein vergesellschaftetes Unternehmen zugunsten der Armen in anderen Staaten oder Kontinenten arbeiten lassen wollten, kaum je auf Vorteile verzichteten, die sich der Ausbeutung anderer Länder und Menschen verdankten.

Nach zwölf Jahren des nationalen Sozialismus fasste Thomas Mann das Problem 1945 so zusammen: „Der deutsche Freiheitsbegriff war immer nach außen gerichtet; er meinte das Recht, deutsch zu sein, nur deutsch und nichts anderes.“ Er beinhaltete nicht die Freiheit der Menschen, war Ausdruck von „völkischem Egoismus“ und „militantem Knechtssinn“. Dagegen hilft nur eines: Mehr individuelle Freiheit wagen!

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