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20. März 2013

Kolumne: Schuld sind immer die anderen

 Von Matthias Horx
Verantwortet der Einzelne die Fehler der Gesellschaft mit? Dann nämlich müssten die Zyprer ihre Spareinlagen anteilig hergeben.  Foto: dpa

Demokratie geht anders als Konsum und Familie anders als Affäre. Man kann sich nicht einfach raushalten.

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Philokypros Andreou, der Präsident der zypriotischen Industrie- und Handelskammer, spricht vom Krieg, „Es ist so, wie 1974, als die Türken einmarschierten! Das ist ein finanzieller Völkermord!“ rüpelte er in einem Interview mit der Zeitung Welt. „Unsere Finanzindustrie ist ruiniert worden! Merkel und Schäuble schaden unschuldigen Menschen!“

Völkermord. Aha. Auch die deutschen Medien lieben starke Worte. „Höchste Gefahr für das Vertrauen!“, „Neue Angst für Europa!“, „Steht jetzt ein Bankrun bevor?!“ So wird die Panik, vor der gewarnt wird, erst gemacht, natürlich in aller Unschuld: Wir wollen ja nur berichten!

„Ja, wir haben korrupte Banker und Politiker. Aber wir Zyprer sind das Opfer!“, sagt Andreou. Wirklich? Zypern hat einen bizarr aufgeblähten Bankensektor. Wenig Wirtschaft. Superniedrige Steuern. Wenn in meiner Gemeinde ständig Autobahnen, neue Häfen und tolle Fußgängerzonen gebaut werden, obwohl die Steuern niedrig sind und die Unternehmen flau, habe ich dann als normaler Bürger rein gar nichts damit zu tun? Kleine Spareinkommen sollten in Zypern drei Prozent zur Krisenlösung beitragen. Größere sechs oder zehn . Natürlich hätte man auch eine Sondersteuer erheben können. Aber die Inhaber dicker Schwarzgeldkonten aus dem Ausland wären dann fein raus. So bleibt nur der Weg in ein Protektorat Russlands. Und der übliche Protestzirkus mit Merkel als Hitler und der infantilen Vermutung, dass „Europa Zypern vernichten möchte.“

Bürger waren Teil des korrupten Systems

Ich habe einige griechische Freunde, keineswegs reiche, die längst verstanden haben, dass sie als Bürger Teil eines korrupten Systems waren. Sie waren persönlich nicht korrupt, aber sie wissen, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gibt, deren Fehler man mitverantwortet. Das ist großartig und Bedingung für jenes Vertrauenskapital, das allein gesellschaftliche Zukunft bringt. In den skandinavischen Ländern reagierten die Bürger genau so auf ihre große Wirtschaftskrise Anfang der 90er-Jahre: Sie nahmen die Verantwortung gemeinsam auf sich.

Europa ist nicht bedroht durch die Bösartigkeit der Banker oder die Unfähigkeit der Politiker. Sondern durch delegierende Demokratie. Die fixe Idee, dass „die da oben“ für jedes verantwortlich und schuld an allem sind. Die Tendenz, Politiker nur noch zu wählen, um sie zu beschimpfen und durch die Beppo Grillos aller Couleur zu ersetzen. Auch hierzulande ist dieser Sound allgegenwärtig. Deutschland hat Armutsprobleme? Die Reichen sind schuld. Wir haben schlechte Schulen? Die Politiker sollen’s richten. Die Renten sind nicht bezahlbar? Der Staat soll blechen. So tönt es in jeder Talkshow, in jeder Straßenbahn. Demokratie ist das, was mich nichts angeht, aber was andere zahlen.

Auch die Piraten und ihr Desaster sind Teil dieses Syndroms. In den Auftritten der zarten Marina Weisbrand spürt man diesen unsicheren, unpolitischen Politikstil: Wir wollen alles kontrollieren, aber lieber nichts damit am Hut haben. Doch Demokratie geht eben anders als Konsum. Genauso wie Affäre anders geht als Familie. Beim einen kann man sich raushalten, beim anderen nicht. Apropos Völkermord: In „Unsere Väter, unsere Mütter“ können wir derzeit nacherleben, wohin es am Ende führt, wenn eine ganze Gesellschaft von der paranoiden Idee besessen ist, dass „die anderen schuld sind.“


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