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25. September 2012

Kolumne: Schwarze Pädagogik

 Von Götz Aly
Götz Aly  Foto: BLZ / Markus Wächter

Die Hinterlassenschaften der Stasi gehören ins Bundesarchiv, so wie die anderen erhaltenswerten Überlieferungen der DDR

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Auf leisen Sohlen, mit Deckname versehen, schleicht Stasivater Roland Jahn durch die Lande. Vergangene Woche säuselte er, der sich als „der BStU“ bezeichnet, scheinbar diskussionsfreudig: „Der Campus der Demokratie ist eine Idee des BStU für die Entwicklung der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin(-Lichtenberg). Private und öffentliche Träger sind eingeladen, sich mit eigenen Anregungen und Aktivitäten zu beteiligen.“ Ich folge der Einladung nicht, vielmehr muss dieses Projekt Jahns ohne weitere Debatte möglichst schnell vom Tisch.

Warum so ungnädig? Hinter dem scheinheilig als Angebot zur Diskussion getarnten Papier verbirgt Jahn einzig die Absicht, seine Sonderbehörde zu verewigen. Jahns bescheidene Textbrocken („authentischer Ort“, „engagierte Bürgervereine“, „Serviceleistungen“), setzen nämlich voraus, dass die papierenen, fotografischen und tönenden Reste der Stasi dauerhaft separat im Lichtenberger Ekelkomplex eingebunkert werden. Die Hinterlassenschaften der Stasi gehören jedoch ins Bundesarchiv, genauso wie alle anderen erhaltenswerten Überlieferungen der DDR-Ministerien und der SED. Geheimdienstliche Akten allein erlauben stets nur einen Tunnelblick auf die einstigen, auch in der DDR sehr komplexen Realitäten.

Seit 130 Jahren sind die deutschen Archivverwaltungen nach einheitlichen und fachlich bewährten Leitgedanken organisiert. Demnach werden Archivalien in dem Kontext belassen, aus dem sie herkommen (Provenienzprinzip) und entsprechend dem dreigliedrigen Staatsaufbau (Bund, Länder, Gemeinden) gesammelt, verzeichnet und konserviert. Auf dieser Grundlage ist es für Geschichtsschreiber später am einfachsten, sich in vergangene Welten hineinzudenken.

Der Gegenbegriff zum Provenienzprinzip lautet Pertinenzprinzip. Demgemäß wird das ursprünglich vorhandene Material aus den alten Zusammenhängen gerissen und Sachbegriffen zugeordnet, die in der jeweiligen Gegenwart gerade modisch sind, desgleichen werden einzelne Teile der Überlieferung besonders hervorgehoben. Diesem, schon zu Kaisers Zeiten als Irrtum erkannten Prinzip folgt Roland Jahn. Schon will er auch jenes Schriftgut der Stasi, das in den ehemaligen Bezirksstellen anfiel, nach Berlin zu holen. Dort gehört es nicht hin, weil es in dem jeweiligen Bundesland zu bleiben hat, zusammen mit allen anderen regionalen Überlieferungen. Nur so können die einstigen politischen, menschlichen und kulturellen Verhältnisse im Zusammenhang begriffen werden.

Man versteht weder Hitlers Volksstaat von der Warte des Sicherheitsdienstes der SS, noch den American Way of Life aus der Perspektive der CIA, noch die Sowjetunion aus den Kellern der Lubjanka. Wer sein Geschichtsbild vorzugsweise auf Geheimdienstakten stützt, leidet an methodischen Defiziten. Die Lust auf Geschichte darf nicht dafür missbraucht werden, die Interessierten in eine Geisterbahn zu locken, die vom Konduktor „der BStU“ gelenkt, durch die Katakomben des Bösen rumpelt und die durchgeschüttelten, verschreckten Fahrgäste am Schluss mit geweiteten Augen und kreidebleich auf die – authentische! – Sitzgarnitur Erich Mielkes spuckt. Mit derart schwarzer Nationalpädagogik ist nichts gewonnen, kommt niemand vergangenen Zeiten bei.

Götz Aly ist Historiker.

[ Die Entwicklung Frankfurts zum Nachlesen - in fünf Heften. Unsere Sonderreihe FR-Geschichte. ]

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