Dieses Jahr begann in vergleichsweise großer Ruhe. Die Bevölkerung schaut auf das Jahr eher mit Zuversicht als mit Zweifeln. Und die Finanzmärkte hatten einen guten Start. Aber es braut sich beachtliches politisches Ungemach zusammen. In Russland und in Frankreich stehen große, und politisch möglicherweise umwälzende Wahlen an. Und von Deutschland wird erwartet, dass es sich einbringt bei der Sicherung von Menschenrechten und zur Gewährleistung einer funktionierenden Marktwirtschaft. Und solche Einmischung wird uns nicht nur Freunde machen.
Laute Kritik sehen und hören wir aber bereits aus Ländern, die wegen der Gefahr der staatlichen Insolvenz nach Hilfe von außen rufen. Diese Länder – Griechenland etwa - fordern, ihre Würde zu respektieren (Ablehnung eines Sparkommissars) oder stellen die Bundeskanzlerin als Epigonin des Dritten Reiches dar, das Europa – zwar nicht mit Waffengewalt, aber mit Finanzmarktregulierungen – in die Knie zwinge.
Der Ton ist nicht rau, er ist unzivilisiert. Er reflektiert die Schmerzen derjenigen, die sich gerade äußern. Aber niemand tut das, was ein Indianer als Lebensweisheit beherzigt: Mische Dich erst in die Belange Deines Gegenübers ein, wenn Du acht Tage in seinen Mokassins gegangen bist. Diese Aufmerksamkeit für das jeweilige Gegenüber lassen CSU-Wahlkämpfer etwa für Griechenland ebenso vermissen wie Italiener oder Griechen oder auch sich einmischende Engländer und US-Amerikaner in Bezug auf die Deutschen. Sie versäumen es, sich in die Seelenlage der Deutschen einzuarbeiten, die seit 20 Jahren wegen der Deutschen Einigung anders als alle anderen keine Wohlstandssteigerung genießen konnten, aber ihre Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen haben und ihre Staatsfinanzen nicht komplett aus dem Lot gerieten ließen.
Deutschland sollte Hauptlast tragen
Die Deutschen sollen nun die Hauptlast der Sanierung von Übertreibern in Irland, Griechenland und Italien tragen. Und diese Last soll getragen werden ohne dass sicher gestellt ist, dass diese Länder wirtschaftspolitisch ihren Kurs auf eine nachhaltige Sanierung ausrichten. Eine solche Forderung ist unsinnig und ungerecht. Herr Schäuble und Frau Merkel verdienen jede Unterstützung, solche Ansinnen zurückzuweisen.
Das heißt nicht: Verweigerung solidarischer Hilfe. Die Hilfe wird uns auch nicht überfordern. Aber ohne Konditionierung der Hilfe ist sie vermutlich nur kurzzeitige Entspannung. Aber sie ist nicht das, was gebraucht wird: Hilfe zur Selbsthilfe. Um das Bild des hässlichen Deutschen nicht noch mehr zu befördern, sollten wir erstens den Internationalen Währungsfonds als erfahrenen Sanierer in die Rolle des Disziplinverantwortlichen bringen. Und wir sollten die Amerikaner als Antikorruptionsbeamte, die neuen EU-Mitglieder in Osteuropa als Privatisierungsspezialisten und die EU-Kommission als Aufpasser für Finanzpolitikdisziplin einsetzen. Zudem sollten wir Deutsche mit Vermessungsingenieuren helfen, verlässliche Kataster aufzubauen, damit reiche Griechen ihre Grundsteuer bald auf verlässlicher Basis entrichten können, statt ihre Reichtümer in überteuerte Londoner Immobilien zu investieren.
Deutsche Solidarität ja, deutsche Dummheit, nämlich gutes Geld schlechtem hinterherzuwerfen, nein! Meine Bitte zum Jahresanfang: Sensibilität und Klugheit statt Stammtischparolen.
Norbert Walter ist Publizist und war Chef-Volkswirt der Deutschen Bank.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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