Der Wahlkampf hat begonnen, fast widerwillig und lustlos. Er ist spritzig wie Lebertran, und so war auch Steinmeier mit seiner Antrittsrede im Tempodrom. Er wird auch so enden, sage ich voraus. Am Wahlabend werde ich auf eine Zahl gespannt sein: die der ungültigen Stimmen. Da finden sich auch jene klugen Köpfe, die es zwar prinzipiell wichtig finden, wählen zu können, aber diesmal die zu Wählenden für eine Zumutung halten. Die Ossis unter uns wissen, welche Staatsräson dann ansteht. Wir haben eine Chance, nicht in der dumpfen Masse der Verweigerer zu versinken. Lasst uns "ungültig" wählen, so könnte man aufrufen. Woher die Verzweiflung?
Wenn die CDU-Chefin (evangelische Intellektuelle aus dem Osten, die den Papst an den Ohren zieht) ihre eigene Partei fremdeln lässt, dann werden viele schwarze Wähler zu Hause bleiben oder zur FDP abwandern. Wenn der SPD-Chef gar nicht zur Wahl steht und linke Wähler stattdessen Schröders Büroleiter Steinmeier verdauen sollen, also den Architekten der Hartz-Agenda, dann werden einige Sozis lieber zu Hause bleiben oder die Lafontaine-Linke wählen, sprich SED light. Wenn der Seehofer Horst in Bayern endlich als hohler Populist durchschaut wird, dann heißt es für die CSU nicht "Fünfzig plus x", sondern "Fünfzig minus x". Für die Lederhosen gibt es nur noch schwarz-gelbe Trachten mit etlichen Splitter-Partei-Flecken. In jedem Dorf eine Bürgerwehr, da fällt die absolute Mehrheit schwer. Wenn im Osten vor den superkatholischen Sorben-Serben Distanz besteht und vor dem thüringischen Christen, der nach unabsichtlichem Tötungsdelikt Trauer und Reue an ein Boulevardblatt delegiert, dann bricht in den neuen Ländern die Wahlbeteiligung weiter ein. Der braune Mob wird dort noch frecher. Wenn das die deutsche Seele nicht schmerzt, hören wir bald auch wieder im Westen Nazilieder.
Wenn diese fünf oder sechs Wenns eintreten, werden die ehemaligen Volksparteien SPD und Union auch zusammen keine Mehrheit mehr erreichen. Dann hilft nicht mal mehr eine große Koalition. Wenn nicht mal Schwarz-Gelb oder Rot-Grün helfen, weil Westerwelle als so authentisch gilt wie Özdemir, dann ist das alte Vaterland in Not. Ich weiß nicht, was Jamaika in der politischen Farbenlehre bedeutet, weil ich es gar nicht erst wissen will. Jamaika, das ist für mich Rum plus Joints am Palmenstrand mit Reggae. Bob Marley ist hier die angesagte Nummer. Das passt in unsere Zeit. So sehen Stars heutzutage aus. Ich war nie ein bedingungsloser Obama-Fan, weil ein bisschen was von Bob Marley hat er schon.
Übertrieben? Freunde, wir leben in einer Zeit, in der die amerikanische First Lady der hochwohlgeborenen Elizabeth II. auf die Schulter klopft. Will sagen: "Na Mam, was geht ab?" Und Sarkozy mit der Ex-Geliebten von Mick Jagger aufschlägt. Alpträume, Sonnenstich. Ich merke, wie ich aufhöre, Politik ernst zu nehmen. Das ist kein gutes Zeichen. Das ist so tragikomisch wie die zwanziger, dreißiger Jahre. Mit geiler Mucke und tollem Koks ins Chaos rocken. Das geht ab.
Wahlaufruf: Gehen Sie bitte hin, wählen Sie zumindest ungültig! Für diese Option haben wir ja jede Wahlfreiheit: alle ankreuzen, keinen ankreuzen, eine Zote draufschreiben. Mindestens das! Ich bitte Sie! Folgen Sie zumindest der revolutionsbewehrten Staatsräson der Opposition in der daran verreckten DDR. Wählen Sie wie einst Merkel wählte: ungültig.
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
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