Haben Sie heute schon Ihren Beitrag für die Konjunktur geleistet? Nein, dann verzichten Sie doch einfach auf Geld. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie sowie den Export. Lohnzurückhaltung ist der beste Beitrag, den Sie leisten können, um Ihren Arbeitsplatz (sofern Sie einen haben) behalten zu können und den Wohlstand zu steigern.
Okay, das ist jetzt sehr vereinfacht dargestellt. Aber so simpel denken eben die meisten deutschen Wirtschaftspolitiker und ihre beflissenen Ratgeber. Dass solche Rezepte nicht nur der Konjunktur schaden, sondern auch die Europäische Union gefährden, scheint sie nicht zu scheren.
Aber sind wir nicht Exportweltmeister? Wohl wahr: In den vergangenen Jahren konnte die Bundesrepublik jenseits der Grenzen wesentlich mehr Waren und Dienstleistungen verkaufen, als sie von dort bezog. Diese sogenannten Außenbeiträge erwiesen sich als Hauptantriebskraft des Aufschwungs. Doch der "Erfolg" hat seinen Preis. Die riesigen Überschüsse in der Leistungsbilanz - 2007 schloss das außenwirtschaftliche Hauptbuch mit einem Plus von 184 Milliarden Euro - bedeuten, dass die Nation weit mehr produziert, als sie im Inland absetzen kann. Sie verzichtet also auf heimischen Konsum und Investitionen, erhöht stattdessen ihre Ersparnis und leiht dem Ausland satte 184 Milliarden Euro, damit es Produkte "Made in Germany" kaufen kann.
Gegen diese gigantische "Entwicklungshilfe", die letztlich auf den Konsumausgaben unserer Handelspartner beruht, haben diejenigen Zeitgenossen, die Konjunkturprogramme für Teufelswerk halten, interessanterweise nichts einzuwenden. Ebenso wie die Besitzer von Kapital. Schließlich sind die Exporterfolge im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass die Löhne den Produktivitätszuwächsen hinterherhinkten, die Lohnstückkosten also sanken und damit deutschen Firmen Wettbewerbsvorteile auf den Weltmärkten erwuchsen.
Sie hätten die Situation auch nutzen könne, um ihre Abgabepreise zu reduzieren. Stattdessen füllten sie ihre Kassen: Der Anteil der Unternehmensgewinne sowie der Vermögenserträge am Volkseinkommen stieg seit 2000 von 27,8 auf 35,4 Prozent. Entsprechend schrumpfte die Lohnquote. Dass hier etwas schiefläuft, dämmert selbst der Bundesregierung. Noch nie in der Geschichte der Republik sei die Entwicklung der Lohneinkommen über einen so langen Zeitraum so schwach gewesen, heißt es aus dem Finanzministerium, das damit auch die "außerordentlich lange Phase ausgeprägter Konsumschwäche" erklärt. Zum Vergleich: Der private Verbrauch entsprach zuletzt fast 57 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung, der Exportüberschuss kam auf knapp sieben Prozent.
Nicht genug, dass der Lohnverzicht die private Nachfrage und damit die Konjunktur bremst. Er hat auch üble Folgen für Europa. Denn durch die Lohndrückerei konnte sich die deutsche Industrie erhebliche Wettbewerbsvorteile gegenüber den Nachbarländern verschaffen. Dies vergrößert die ökonomischen Unterschiede und damit die wirtschaftlichen Spannungen in der Euro-Zone. Wollen die abgehängten Staaten nicht weiter an Boden einbüßen, müssen auch sie die Arbeitskosten senken. Am Ende droht eine abwärts gerichtete Lohn-Lohn-Spirale, bei der schließlich alle verlieren. Es sei denn, eine EU-weite Koordination der Geld-, Finanz- und Lohnpolitik macht dem Wahnsinn ein Ende.
Mario Müller ist freier Autor.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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