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21. April 2013

Kolumne: Steinbrücks Schluchzen

 Von Tom Schimmeck
Unserem Autor im Traum erschienen: Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.  Foto: dpa

„Wie kommt das bloß?“ fragte er mich, als er Luft geschöpft und die Brille wieder aufgesetzt hatte.

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„Wie kommt das bloß?“ fragte er mich, als er Luft geschöpft und die Brille wieder aufgesetzt hatte.

Gestern Nacht ist mir Peer Steinbrück erschienen. Kam einfach ins Zimmer, warf das Sakko über die Lehne jenes Stuhls, auf den er sodann mit der ganzen Unwucht seiner 66 Lebensjahre plumpste. Steinbrück nahm die beschlagene Brille ab und seufzte, während er sie mit einem Hemdzipfel putzte: „Noch 22 Wochen!“ Er tat mir leid.

Ich bin nicht unbedingt ein Fan. Er war Helmut-Schmidts Hilfsreferent und Angela Merkels Finanzminister. Ein Mann des Apparats, mit bald 40 Dienstjahren in der Politverwaltung. Man glaubt ihm kaum, dass er an irgendetwas glaubt. Daran ist er 2005 in NRW gescheitert.
Aber nun fühlte ich mit Steinbrück. Zum einen, weil wir Politjournalisten ohnehin nichts anderes mehr können, als aus der Hefe unserer kleinen Launen große Stimmungen zu kneten, die wir dann wochenlang breitwalzen. Zum anderen, weil es ihn wirklich übel erwischt hatte.

„Wie kommt das bloß?“ fragte er mich, als er Luft geschöpft und die Brille wieder aufgesetzt hatte. „Die haben mich alle hochgeschrieben, als einzig wahren SPD-Kanzlerkandidaten gefeiert. Und jetzt suchen sie sich jede Woche was, um mich als glücklosen Vollhorst niederzumachen, als Fettnapf-Sucher, Pechvogel und Pannen-Peer!“

Er schien fassungslos. Beinahe verzweifelt. Ich gab ihm einen Keks. Während er lustlos knabberte, googelte ich nach: Steinbrück + Pannen: 265.000 Ergebnisse. Wow. Bei der CSU fand ich einen Flyer: „Pleiten, Peer und Pannen“. Mit „Honorarskandal“, „Eierlikörgate“ und den italienischen „Clowns“. Der erratische Genosse Güllner von „Forsa“, dem schon Kurt Beck zu links war, hatte die SPD gerade auf 22 Prozent heruntergerechnet. Und Steinbrück auf 17.

Steinbrücks Blick schien leer. „Warum?“, flüsterte er heiser, wieder und wieder. Meine Besorgnis wuchs. Er war mir zugelaufen. Ich hatte keine Kekse mehr. „Weißt Du“, hob ich zögernd an (aus unerfindlichen Gründen duzten wir uns), „die sind so. Die jubeln Dich hoch. Dann packt sie vor lauter Gejubel der Selbsthass. Und sie schreiben das Gegenteil. Sie blasen dich ganz nach vorn. Dann langweilen sie sich, hören plötzlich auf zu pusten und sagen: ‚Er hat keinen Rückenwind mehr.‘“

Steinbrück stöhnte, unterdrückte ein Schluchzen. Auch rechte Sozis haben Gefühle. Sie treibt von jeher die Frucht, als Vaterlandsverräter zu gelten. Oder gar als links. Dann kompensieren sie über: Schreiben Hasstiraden gegen „kleine Kopftuchmädchen“. Geben Bild-Interviews. Nehmen sich Kissinger zum Freund. Gehen zu RWE. Schuften für Putin. Das ist psychologisch erklärbar. Und auch ein Grund, warum ich die Vorstellung, vom Seeheimer Kreis regiert zu werden, noch nie elektrisierend fand.

„Was soll ich tun?“, krächzte Steinbrück. Er wirkte so müde. „Weißt du“, murmelte ich, nur halb überzeugt, „selbst am Problem-Peer werden sie irgendwann keinen Spaß mehr haben. Lenke den Blick auf die Merkelei. Rede vom Alltag der Leute. Mach die Alternative klar. Meide die Bundespressekonferenz. Geh auf die Plätze. Plötzlich bist du wieder der Hoffnungsträger.“ Ich wollte ihn trösten. Steinbrück blickte hoch, zeigte ein schiefes Lächeln. „Noch 22 Wochen!“, rief er, sprang auf, entschwand in die Nacht. Und ich sank verwirrt zurück in tiefen Schlaf.

Tom Schimmeck ist freier Autor.

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