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25. Januar 2013

Kolumne: Unter Experten

 Von Tom Schimmeck
Die Übersicht in Mali behalten nur Experten.Foto: dpa

Es wimmelt von Experten für alles Mögliche. Aber wie wird ein Experte eigentlich ein Experte?

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Es wimmelt von Experten für alles Mögliche. Aber wie wird ein Experte eigentlich ein Experte?

Das Expertenunwesen greift um sich. Ich bin dabei. Aus dem Bullauge des Flugzeugs schiele ich auf eine geschlossene Wolkendecke und habe ein ungutes Gefühl. Auf dem Weg zu einem spannenden Reiseziel: Mali. Ja, ich bin neugierig, freue mich auf Menschen, Musik, Erlebnisse und Einsichten. Ich bin gerne Journalist – und lange genug, um alle Absurditäten und Anmaßungen dieser Profession zu kennen. Ich habe mir ein hübsches Achtelwissen angelesen, Fragen notiert, Ideen skizziert. Mal gucken. Das Problem: Minuten nach meiner Ankunft werde ich Experte sein. Einfach weil ich dort bin, vor Ort. Führe ich nach Mallorca, wäre dies kein Thema. Das ist quasi ein Vorort, da kennen sich alle irgendwie aus. Glauben es zumindest. Mali ist anders. So weit weg. So exotisch. Und in den Schlagzeilen. Wer weiß schon was über Mali?

Es kann passieren, dass ich die falschen Leute treffe, die falschen Fragen stelle, das Wichtigste, die entscheidenden Worte, Orte übersehe, überhöre, verpasse. Am Ende die falschen Schlüsse ziehe. Egal, wie falsch ich liege: Ich werde Experte sein. Denn die Menschheit sehnt sich nach Experten. Ihre Welt ist allzu unerträglich komplex, um auch nur ansatzweise greifbar zu sein. Wer? Was? Warum? Sie will die einfach Wahrheit; die griffige, glasklare Deutung; den Merksatz, den man nachsprechen kann. Wohin steuert Mali? Wie tickt der Islamist? Wird Deutschland mitkämpfen? Im Wachtraum sehe ich 80 Millionen Deutsche, übergewichtig und krebsrot, mit Wagenhebern bewaffnet, wie sie durch die Wüste stolpern und den Vollbärtigen nachstellen, sie bis zum Mittelmeer jagen. Ich hätte diesen Aperitif nicht trinken sollen. Die Wolkendecke ist noch immer dicht.

Der Experte ist die Wunderwaffe der Politik, der Konzerne, der Juristen und Journalisten. Wir haben Experten fürs große Ganze und fürs subatomare Detail, für Waffenhandel und Weltwirtschaft, für Borkenkäfer und Brustimplantate, für alles und sein Gegenteil. Der Experte sagt: So ist es. Der Experte sagt: Der Klimawandel kommt mit Riesenschritten. Oder, falls er für die Mineralölindustrie oder die Republikaner arbeitet: Hysterischer Schwachsinn! Lasst uns noch tiefer bohren und alles verfeuern!

Experte sein ist leicht

Längst gibt es Experten für das Expertenunwesen. Millionen Experten sind unterwegs, äußern sich unentwegt, wedeln mit der Brille, übertünchen ihre Zweifel mit großen Gesten. Manche kennen sich wirklich aus. Echte Experten sind brillant und meist bescheiden. Die vielen anderen nur Allzweck-Schlaumeier. Zu mieten. Oder zu kaufen. Man wird ruckzuck selbst zum Experten. Indem man einfach irgendwo irgendwas behauptet. Und gleich noch einmal. Immer wieder. Geht doch. Schon heißt es: Sie kennen sich doch aus. Ab in die Talkshow. Wer geschäftstüchtig ist, gründet eine Ratingagentur und sagt: AAA. Oder fährt irgendwo hin. So wie ich jetzt gerade, nach Mali. Mein Restleben lang werde ich „schon mal dagewesen“ sein. Mich folglich auskennen. Die Wolkendecke ist weg. Aber jetzt ist es dunkel draußen. Hurra, ich bin gleich vor Ort.

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