Wenn wir jetzt ins Schleudern kommen, liegt das nicht nur am Wetter. Schließlich ist schwer zu erklären, warum man Steuern an einen Staat zahlen soll, der sich in aller Öffentlichkeit als Hehler betätigt. Zusätzlich wird die Rechtfertigung für die hohe Steuerlast immer unglaubwürdiger: Schulen, Kindergärten und Straßen verfallen. In diesem Winter war kaum eine Kommune den Schneemassen gewachsen, so dass man sich zwischenzeitlich an sibirische Zustände erinnert fühlte.
In Lübeck zum Beispiel forderten Mitarbeiter des Ordnungsamts Ladenbesitzer unter Androhung von Geldstrafen auf, die Gehwege vor ihren Geschäften zu räumen. Gleichzeitig waren die Straßen mit einer dicken Eisschicht bedeckt. Wo man sich einst mit Wirtschaftswunder und Trümmerfrauen schmückte, streitet man nun, welches Bundesland das bedürftigste ist. Deutschland in Angst: Werden wir bald nicht mehr für Ordnung, Disziplin und Leistung bekannt sein, sondern für Verfall und Ignoranz?
Wer darüber Sorgenfalten bekommt, sollte sich besser an sie gewöhnen. Mit einer Gesundheitsreform, die Botox in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufnimmt, ist nämlich in nächster Zeit nicht zu rechnen. Im Gegenteil. Mal wieder ist eine Diskussion darüber entbrannt, was der Mensch eigentlich braucht, um gesund zu sein. Oder besser: Worauf er verzichten kann, ohne deswegen zu sterben. Weil es noch keine eindeutigen Ergebnisse gibt, mussten einige Krankenkassen ihre Beiträge erhöhen.
Und während Gesundheitsminister Rösler deshalb zum Krankenkassen-Hopping rät, lernen wir, dass von Länder-Hopping dringend abzuraten ist. Zumindest wenn es sich dabei um den Sprung in eine Steueroase handelt. Die entpuppt sich, in einer Zeit, in der nichts mehr vor Vater Staat sicher ist, zusehends als Fata Morgana.
Was bleibt uns unzufriedenen ausgebeuteten Bürgern jetzt noch? Ursula von der Leyen. Als strahlend schöne Mutter der Nation brachte sie Männern das Wickeln bei und bewies, dass Kinder einen nicht von der Arbeit abhalten müssen. In ihrem neuen Amt lehrt sie uns nun, dass unser eigentliches Problem darin liegt, die Dinge beim Namen zu nennen. Das ist revolutionär, besonders wenn man bedenkt, wie oft Politiker darüber klagen, dass uns Bürger die ungeschminkte Wahrheit nicht interessiert.
Zum Beispiel Hartz IV. Das will keiner. Aber was keiner will, muss nicht abgeschafft, sondern umbenannt werden. Die neue Namensgebung will von der Leyen aber nicht selbst vornehmen, sondern überlässt sie dem Volk. Wenn das mal nicht nach hinten losgeht: Wo doch schon Hartz IV nur ein besseres Wort für Armutszeugnis war. Vielleicht sollten wir uns lieber an einer neuen Wortschöpfung für das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" versuchen. Das ist zwar in aller Munde, kommt aber keinem so schnell über die Lippen, wie es sein Inhalt verspricht.
Auf von der Leyens Weise könnte man so aus dem Hehler einen Robin Hood machen. Und aus dem Steuersünder vielleicht den verlorenen Sohn, der laut Bibel mit offenen Armen empfangen wird, obwohl er nichts mehr hat. Um wie viel herzlicher könnten wir dann all die verlorenen Söhne und Töchter willkommen heißen, die mit vollen Taschen zu uns zurückkehren. Aus Empörung wird Freude, aus einer Schlitterpartie eine Kür, und aus der Steuererklärung na, da fällt uns schon noch was ein.
Ricarda Junge ist Schriftstellerin

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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