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Kolumne: Vertrauen ist gut

Missbrauch an Kirche und Reformschulen: Vertrauen ist gut...? Lasst uns altbacken sein, anständig und offen. Eine Gesellschaft des Misstrauens nämlich ist unmenschlich. Eckhart D. Strathenschulte

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Foto: FR

Seinen bekanntesten Satz hat er nie gesagt: Wladimir Lenin wird oft mit dem Spruch zitiert: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Tatsächlich wäre es dem russischen Berufsrevolutionär nie in den Sinn gekommen, Vertrauen gutzuheißen.

Glaubhafter ist da schon der ihm zugeschriebene Ausspruch: "Misstrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Heutzutage fragt man sich, ob er - bei allen Irrtümern, die ihm sonst unterlaufen sind - nicht recht gehabt hat. Die katholische Kirche und Reformschulen missbrauchen ihre Schützlinge, ein EU-Mitgliedstaat lügt sich in die Währungsunion und schummelt weiter bis an den Rand des Zusammenbruchs, bedeutende Baufirmen verhökern die Materialien, statt sie zu verwenden, hochrangige Politiker zeigen beachtliche Erinnerungslücken bei bedeutenden Ereignissen, Banker verzocken Milliarden - und überall ertönt der Ruf nach Kontrolle, nach Untersuchungsausschüssen, Runden Tischen und staatsanwaltlichen Ermittlungen.

Brauchen wir eine Kultur des Misstrauens, um uns selbst zu zähmen, sozusagen den Nacktscanner in allen Lebensbereichen? Man hat diesen Eindruck und ist doch damit auf dem Holzweg. Zwar lautet ein Grundsatz der Demokratie, dass Macht nie unkontrolliert ausgeübt werden darf. Es ist ja geradezu ein Kennzeichen demokratischer Staaten, dass die Frage "Wer hat die Macht?" nicht mit einem Satz zu beantworten ist, weil es immer jemanden gibt, der die Entscheidungsgewalt - sei es der Kanzlerin, sei es des Parlaments, sei es der Wirtschaftsbosse - beschränkt. Diese "checks and balances" sind wichtig, dennoch werden wir auf die Kategorie des Vertrauens, so altbacken sie derzeit wirken mag, nicht verzichten können.

Eine Gesellschaft des Misstrauens ist unmenschlich und führt letztlich in den Überwachungsstaat. Sie ist zudem teuer; denn jeder Kontrollmechanismus kostet Zeit und Geld, das an anderer Stelle fehlt. Es ist daher keine Blauäugigkeit und schon gar kein Versuch, kriminelle Handlungen zu vertuschen, wenn man fordert, dem Vertrauen in der Gesellschaft mehr Platz einzuräumen. Die Renaissance der Ethik, um die es im Grunde geht, wird allerdings nur gelingen, wenn die Gesellschaft ihre Wertmaßstäbe überdenkt und Anerkennung nach anderen Kriterien verteilt als bisher. Solange derjenige der größte Hecht ist, der am meisten Geld auf den Tisch legen kann, egal, wie er es erworben hat, solange Institutionen nicht nach Transparenz, sondern nach ihrem "makellosen Ruf" - und damit nach ihrer Intransparenz - beurteilt werden, wird einem Verhalten Vorschub geleistet, das dann zur Forderung nach dem Misstrauensstaat führt.

Die Zwillingsschwester des Vertrauens ist die Offenheit, bei der es sich um das beste Mittel sowohl gegen Misstrauen als auch gegen Vertrauensbruch handelt. Noch eine andere Kategorie erlangt wieder Bedeutung, die man in Tanzstunden verstaubt und von Motten zerfressen glaubte: der Anstand. Anständig sein heißt, die Folgen eigenen Handelns für seine Umwelt mit zu bedenken und es danach auszurichten.

Wer die anständige, offene und von Vertrauen geprägte Gesellschaft für eine Utopie hält, sollte sich die Alternative der Misstrauensgemeinschaft genau anschauen; denn wenn wir die Verhältnisse nicht ändern, ändern sie uns. So einfach ist das - und so kompliziert.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  Eckhart D. Strathenschulte
Datum:  29 | 3 | 2010
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