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22. September 2013

Kolumne: Vom Menschenrecht auf Dummheit

 Von 

Der Wahlkampf hat Sie gelangweilt? Sie können das alles nicht mehr hören? Dann gehen Sie mal nach Guinea.

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Mir ist zu Ohren gekommen, der Souverän habe sich furchtbar gelangweilt in diesem Wahlkampf. Also Sie, liebe Leserin, lieber Mitbürger. Würde ich der Knallfroschfabrik Forsa trauen, müsste ich davon ausgehen, dass 67 Prozent von Ihnen – also Dir, Dir und, nein, Dir nicht – der Wahlkampf am Arsch vorbei ging. Nur etwa jeder Dreißigste, heißt es, fand den Wettbewerb um den richtigen politischen Weg „sehr interessant“.

Natürlich drucken, senden, posten solche Umfragezahlen gleich alle, von der Ostsee-Zeitung bis zum Schwarzwälder Boten. Jedes Medium meldet nun, was alle anderen melden zu müssen glauben. Eben weil es ja alle melden. Auch weil’s billiger ist. Klar. Rauf und runter. Hui und pfui. Top und flop. Ex und hopp. Die Medienkanäle haben sich multipliziert. Und fädeln zumeist doch nur identische Glasperlen auf: Weshalb wir über Monate mit Muttis bunten Blazern und Peers Pannen beschäftigt waren, mit „Veggie Days“ und Stinkefingern. Statt über Löhne und Derivate, über die Bedrohungen Europas und eine miserabel gemanagte Energiewende zu streiten. Faszinierend, gell?

Woher rührte diese Langeweile? War sie ein Werk der Chefanästhesistin Merkel? Oder eher die Frucht eines deutschen Überdrusses? Weil die Politik eh so bös und mies und fies ist? Oje! Da ändert sich sowieso niemals nix! Alles Ganoven! Scheiß drauf! Potztausend! Jawohl!

Ja, es ist ein Menschenrecht, sich nicht zu interessieren, nichts begreifen zu wollen, die Augen vor allen Unterschieden zu verschließen. Selbst der Deutsche kann sich völlig ungestraft ganz dem großen Fressen, dem Fatalismus, der totalen Zerstreuung, dem Kaufrausch und/oder dem Suff ergeben. Er darf das.

Aber es ist dumm. Und obendrein gefährlich. Eine Handvoll Halbintellektueller hat sich im Vorfeld dieser Wahl den Stimmboykott schöngeschwätzt. Weit mehr Menschen sparten sich selbst diese Mühe und traten ihre demokratischen Rechte achselzuckend in die Tonne. Sie spucken also auf die Demokratie. Das ist trist. Und, zum Beispiel, eine Beleidigung all jener alliierten Soldaten, die uns 1945 befreit haben. Nachdem, nur zur Erinnerung, unsere erste, bis in allerbeste Kreise verachtete Weimarer Demokratie mit der freien und geheimen Wahl jener Naziclique endete, die später einen millionenfachen Massenmord anordnete.

Ich echauffiere mich gern über die eigene Zunft, die Schlagzeilen-Djangos und die Talkshowköniginnen, die öffentlich-rechtlichen Politkellner und die grinsenden Zyniker der Heuschreckensender. Mehr aber ärgert mich ihre dumpf grummelnde Kundschaft. Dieses gähnende, grundgelangweilte Zweidrittel-Volk. Dem ich empfehlen möchte, sich sofort, bitte heute noch, nach Guinea zu begeben.

Warum Guinea? Weil dort in dieser Woche gewählt wird. Guinea, eine Republik im Westen Afrikas, zwischen Mali und Sierra Leone, findet sich selten auf unserem Nachrichtenmenü. Zu kompliziert, zu unwichtig, zu arm. Guinea liegt im UN-Entwicklungsindex auf den hinterletzten Rängen, geplagt von Hunger, Malaria, Fluten, von Korruption, Drogenschmuggel, Putschen, Wahlfälschungen und ethnisch wie religiös befeuerter Gewalt.


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In Guinea gibt es Menschen, die für mehr Demokratie ihr Leben riskieren. Sie finden das gar nicht langweilig.

Tom Schimmeck ist Autor.

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