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22. März 2013

Kolumne von Mely Kiyak: Liebe Kolonialgeschichte!

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Deutsche Kolonialgeschichte: Ein deutscher Kolonialbeamter mit verschleppten Afrikanern meldet sich bei Kaiser Wilhelm II. zurück.  Foto: imago

Wie unendlich viele Facetten einem doch über den Zweiten Weltkrieg geläufig sind. Über die Kolonialzeit lernen wir dafür nur sehr wenig. Bis 1919 haben Deutsche in Afrika gesiedelt, missioniert, ausgebeutet, vertrieben und Verbrechen begangen.

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Ich kann mich an keine nennenswerte Schulstunde erinnern, in der man mir ausführlich und anschaulich etwas über deutsche Kolonialpolitik beizubringen versucht hätte. Mein Wissen über Kolonialpolitik ist jedenfalls exorbitant gering. Auf dem afrikanischen Kontinent gab es zwischen 1883 und 1919 im wesentlichen vier deutsche Kolonien, oder wie es damals hieß „Schutzgebiete“, die zusammen fünfmal größer als das „Mutterland“ waren, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. In den heutigen Verhältnissen handelt es sich um sechs afrikanische Staaten. Neuguinea und Kiautschou (in China) waren ebenfalls Teil des deutschen Kolonialreichs. Zweihundert Jahre zuvor existierten die Brandenburgisch-Preußischen Kolonien.

Wo bleibt die Aufarbeitung?

Jede dieser Kolonien hat ihre eigenen turbulenten Einzelheiten. Vom 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein haben Deutsche in den Kolonien gesiedelt, missioniert, ausgebeutet, vertrieben, Verbrechen begangen. Doch ist mir kein Roman, kein Spielfilm, keine Ausstellung, kein Museum, kein Mahnmal über deutschen Kolonialismus bekannt, die größere Spuren hinterlassen haben.

Keine Erinnerungskultur und genauen Opferzahlen. Keine Opferperspektiven, staatlich großzügige geförderte Programme zur Aufarbeitung und Entschädigungsleistungen, keine Studenten- oder Schüleraustauschprogramme, Journalistenreisen nach Afrika, Literaturtage oder Kulturfestivals oder Filmfestspiele, die diesen Teil deutscher Geschichte behandeln, keine besonderen Verlage, die berühmt wären für Kolonialismusgeschichte, Historiker, die Preise für Kolonialgeschichtsforschung bekommen haben, Jahrestage, die der Kolonialkriege oder der Aufstände der afrikanischen Bevölkerung gedenken, keine nationalen Einrichtungen und Feiertage sind mir geläufig, die an die deutsche Schuld in Afrika erinnern – kann man deutsche Kolonialgeschichte studieren, wurde ein Lehrstuhl eingerichtet – keine Ahnung, gibt es das nicht oder weiß ich von alledem nichts?!

Afrika als "Raum ohne Volk"

Der Zweite Weltkrieg dauerte sechs Jahre. Wie unendlich viele Facetten darüber einem doch geläufig sind! Literatur, Museen, Gedenkstätten, Orte, Städte, Geschichten über deutsche und europäische Juden, Sinti und Roma, europäische Erzählungen, Filme, Flucht und Vertreibung; ich könnte aus der Perspektive von Deutschen, Osteuropäern, Künstlern, Homosexuellen, unmittelbar betroffenen Opfern und ihren nachfolgenden Generationen ganze Epen nacherzählen, ich kenne Einzelschicksale aus dem Gedächtnis.

Die Kolonialgeschichte des Kaiserreichs dauerte 36 Jahre. Eigentlich noch länger. Denn Kolonialpolitik spielte auch in der Weimarer Republik eine Rolle. Konrad Adenauer, Oberbürgermeister der Stadt Köln und späterer stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft, hielt an der kolonialen Idee fest. 1928 forderte er: „Das Deutsche Reich muss unbedingt den Erwerb von Kolonien anstreben. Wir müssen für unser Volk mehr Raum haben und darum Kolonien“. Afrika war für ihn ein „Raum ohne Volk“.

Mir ging das diese Woche alles durch den Kopf, weil die dreiteilige Fernsehserie „Unsere Mütter, unsere Väter“ in aller Munde ist, und da fragte ich mich, ob es in Deutschland wohl jemals zu einer ähnlichen Aufarbeitungskultur mit den Verbrechen auf dem afrikanischen Kontinent kommen wird.

Ihre Mely Kiyak

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