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15. Februar 2013

Kolumne von Mely Kiyak: Lieber Sigmar Gabriel!

 Von Mely Kiyak
7,5 Millionen Menschen in Deutschland dürfen nicht wählen, weil sie keine deutschen Staatsbürger sind. Foto: dpa

Wenn man einen Nazivater hatte, dann müsste einen das doch dazu veranlassen, aktiv Rassismus zu bekämpfen. Dann greift man doch durch, wann immer Bevölkerungsgruppen als anders und minderwertig markiert werden.

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Vor vier Wochen sprachen Sie in einem Interview über Ihren Nazivater. Seitdem denke ich: Geschieht noch irgendetwas? In sieben Monaten ist Bundestagswahl, innerhalb der SPD hätte doch eine Debatte über unsere zunehmend rassistisch denkende, publizierende und agierende Gesellschaft losbrechen müssen. Wenn man einen Nazivater hatte, wenn man aus seiner Biografie eine solche Wunde bloßlegt, dann ist das eine Zäsur. Dann führen die gewonnen Erfahrungen eigentlich automatisch dazu, etwas davon in die Gesellschaft zurückzutragen.

Dann müsste es einen doch verrückt machen, dass in Hamburg demnächst Minderjährige wählen dürfen, nicht aber deutsch-türkische Hanseaten, die seit einem halben Jahrhundert Steuern zahlen. Dann müsste man doch einen Besen nach dem anderen fressen, wenn man feststellt, dass die Liste der politischen Straftaten von Rechtsextremen angeführt wird. Dann wird man doch gar nicht fertig damit, die Ergebnisse des Bundestagsausschusses über den NSU zu kommentieren. Dann mischt man sich doch in die Debatte über ein Verbotsverfahren der NPD ein. Dann greift man doch durch, wann immer Bevölkerungsgruppen als anders und minderwertig markiert werden.

Blut-und-Boden-Gesetze

Kinderbuchdebatte, Rassismusdebatte, Muslimfeindlichkeit, Rassisten in den europäischen Parlamenten, Antisemitismus, europäische Sinti- und Romajagd, wenn man einen Nazivater hatte, dann haut man doch auf den Tisch, krempelt seine Partei um, sagt ein für alle Mal laut und unmissverständlich: Ich dulde keinen Rassismus, hier ist meine persönliche politische Agenda. Dann macht man Reformvorschläge für den Verfassungsschutz, bietet Ideen für die Bekämpfung des Rechtsterrorismus an, denkt sich eine Bildungspolitik aus, in der Kinder nicht herkunftsbedingt diskriminiert werden.

Dann lässt man sich doch in Berlin Kreuzberg blicken, wo Deutschtürken, die ihre Gegend zu einem wohnenswerten und begehrten Viertel aufgebaut haben, als dieser Stadtteil Anfang der 60er Jahre noch die ranzigste Gegend Berlins gewesen war, regelrecht heraus geworfen werden, dann stellt man sich mit seinen breiten Schultern doch in die Reihe der seit einem Jahr demonstrierenden einstigen Immigranten und legitimen Kreuzbergbewohner. Wenn man erkennbar unter einem Nazivater litt, dann hätte man doch den einflussreichsten deutschen Nachkriegsrassisten und „Hobby-Eugeniker Sarrazin“ (Gabriel) aus der SPD geworfen oder aber die Partei verlassen und gesagt: Eher gehe ich, als mit dem zusammen „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’“ zu singen.

Wenn man seines Nazivaters wegen ein biografisch Versehrter ist und deshalb lebenslang einen Kummer im Herzen trägt, fühlt man sich doch persönlich für 7,5 Millionen Menschen in diesem Land verantwortlich, die nicht wählen dürfen. Der Nazivater des Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie und die Naziväter vieler anderer Söhne und Töchter sind der Grund dafür, weshalb mein Vater weder das Wahlrecht noch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt. Es ist das Resultat der Blut-und-Boden-Gesetze, deren langer Arm bis in die bundesrepublikanische Rechtsprechung hineinreicht, für die sich Ihr Vater zeitlebens einsetzte und deren Folgen mein Vater bis heute ertragen muss.

Ihre Mely Kiyak

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