Vorige Woche kam beim scheidenden SPD-Fraktionschef Peter Struck Trauer auf, als er in die stark gelichteten Reihen seines Fraktionssaals blickte. Der Absturz der SPD bei der Bundestagswahl hat viele Abgeordnete das Mandat gekostet. Hinter jedem verlorenen Mandat jedoch steht neben dem Machtverlust einer Partei ein persönliches Schicksal. Was wird eigentlich aus ehemaligen Abgeordneten? Mit der Frage "Was kommt nach dem Bundestag?" hat sich eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Jena beschäftigt. Alles halb so schlimm, Politiker fallen sowieso weich? Das meinen viele, ist aber falsch.
Nur die wenigsten sind finanziell gut abgesichert oder so gut vernetzt, dass sie sofort einen neuen Job bekommen. Das gilt sogar für jene, die es mit dem Einzug in den Bundestag in den parlamentarischen Olymp geschafft haben. Auch die Partei hilft eher selten. Patronage genießt nur jeder Zehnte. Sieben Prozent der Ex-Parlamentarier sind sogar längere Zeit arbeitslos. Wegen vieler Unwägbarkeiten gilt eine bezahlte Beschäftigung in der Politik ohnehin längst als "prekäres Beschäftigungsverhältnis". Am einfachsten können offenkundig jene an ihre Parlamentskarriere im Bund anknüpfen, die sich rechtzeitig um einen Umstieg bemühen, entweder in die weniger prestigeträchtige Landes- oder Kommunalpolitik, in die Wirtschaft oder zurück in den alten Beruf. Merke: Wer nicht allzu sehr auf den Status schaut, sondern anderen Merkmalen den Vorzug gibt wie etwa größerer Handlungsfreiheit, und obendrein nicht am Sessel klebt, bis er hinausgekippt wird, bringt es meist weiter in seiner Karriere-(und Persönlichkeits-)Entwicklung.
Das mag jetzt nicht so richtig überraschen, ist aber nicht ganz unproblematisch. Einigermaßen frei interpretiert bedeutet das, dass gerade die Cleveren, Engagierten, Vorausschauenden der Bundespolitik zumindest teilweise zu früh abhanden kommen, während die Mittelmäßigen, die Angepassten und die Wichtigtuer bleiben, bleiben, bleiben Der Verlust von Einkommen und Prestige schmerzt jene Politiker am meisten, die sich stark auf beides stützen, für deren Ego die Bewunderung anderer überaus wichtig ist, wofür sie einiges an Demütigung und Bevormundung hinzunehmen bereit sind. Mag der Einfluss eines Abgeordneten des Bundestags gering sein - der Suchtfaktor ist trotzdem hoch.
Was sind das für Typen, die in die Politik gehen? Hauptsächlich Masochisten und Narzissten oder auf andere Weise Gestörte? Wer erwählt schon einen Beruf für sich, der unsicher ist, dessen Aufstiegschancen unkalkulierbar sind und der keine geregelten Arbeitszeiten kennt? Und vor allem steht auch noch die Ochsentour durch die Parteigremien, für viele anfängliche Enthusiasten zermürbend genug. Also einfach nicht in die Politik gehen? Auch keine Lösung, wenn alle so denken.
Tatsächlich gibt es sie noch: Idealisten, die durch Politik etwas verändern wollen. Jeder vierte Ex-Parlamentarier würde zwar seinem Kind abraten, in die Politik zu gehen, aber was heißt das schon? Eltern wollen auch nicht, dass ihre Kinder Künstler werden oder sonst welche "Hungerleiderberufe" ergreifen. So manch einer, von dem man´s nicht geglaubt hätte, schafft die große Karriere bis ganz nach oben eben doch, auch in der Politik - siehe Schröder, siehe Merkel.
Charima Reinhardt, freie Autorin, war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.

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