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19. Januar 2011

Kolumne: Weichgespült

 Von Marcia Pally
Marcia Pally: Die Professorin lehrt multikulturelle Studien an der New York University, der größten Privat-Universität der USA. Sie war mehrfach zu Forschungsaufenthalten in Deutschland. FR-Leser kennen Pally seit Jahren als Kolumnistin des Feuilletons. Sie hat zuletzt „Die neuen Evangelikalen: Freiheitsgewinne durch fromme Politik“ bei der Berlin University Press veröffentlicht.  Foto: privat

Republikaner loben Obama, wenn er von Versöhnung spricht. Da fallen die US-Bürger doch vor Langeweile ins Koma.

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Glücklicherweise ist die Woche des Anstands in den USA jetzt vorbei. Seit dem Anschlag auf Gabrielle Giffords, die Kongressabgeordnete der Demokraten, kamen die Republikaner dermaßen weichgespült daher, dass die Amerikaner aus Langeweile fast ins Koma gefallen wären. Normalerweise können wir uns auf blutrünstige Unterhaltung durch die Republikaner verlassen. Manchmal blasen sie zum Frontalangriff; in jedem Fall aber wird man, wann immer man die Nachrichten liest, auf eine kleine giftige Attacke gegen die Demokraten stoßen.

Jetzt aber kondolierten die Republikaner mit tränenerstickter Stimme den Opfern von Arizona. Ungläubig staunten die Amerikaner, als ausgewiesene Obama-Hasser dessen Versöhnungsansprache von Tucson über den grünen Klee lobten und sich als überparteilich und kooperativ auszugeben versuchten.

Nur leicht erregt haben wir über die Motive des Attentäters Jared Loughner spekuliert. Nachdem es Zoff gegeben hatte wegen der (auf Giffords gerichteten) Fadenkreuze auf der Webseite von Sarah Palin, kam heraus, dass Loughner „Mein Kampf“ gelesen hatte und das „Kommunistische Manifest“. Man konnte die Seufzer der Erleichterung hören. Warum kann es nicht immer so klar und eindeutig sein? Warum läuft nicht einfach jemand Amok, nachdem er, sagen wir mal, die Fußnote 147 in „Gotteserkenntnis und Modernität in der Theologie Giorgio Agambens“ gelesen hat?

Ich bin also froh, dass die Woche der allgemeinen Nettigkeit vorbei ist. Da hier Debatten üblicherweise mit Schaum vorm Mund geführt werden, wissen wir wenigstens, wo es langgeht. Die Republikaner werden in dieser Woche, statt Kooperation zu heucheln, die Gesundheitsreform von Präsident Barack Obama killen, indem sie versuchen, sie im parlamentarischen Verfahren zu kippen. Dabei fangen sie schon mit einer Lüge an, in dem sie behaupten, die Gesundheitsreform würde Arbeitsplätze vernichten. Das ist zwar falsch, aber so arbeiten halt die Republikaner.

Sie behaupten auch, die Gesundheitsreform sei zu teuer. Unparteiische Haushaltsexperten schätzen hingegen, dass das Budgetdefizit in zehn Jahren um mindestens 230 Milliarden US-Dollar steigt, wenn die Reform gekippt wird. Obamas Reform bedeutet: Versicherungen dürfen Kinder nicht ablehnen, die eine Kranken-Vorgeschichte haben, und sie können nicht Menschen, die krank werden, kündigen. Obamas Gesetz verlangt von den Versicherungen, dass sie 80 Prozent der Prämieneinnahmen für die medizinische Versorgung ausgeben. Nach 2014 dürfen Versicherungen auch keine Erwachsenen mehr ablehnen, die schon eine Kranken-Vorgeschichte haben.

Die Republikaner wollen all das streichen, um die Demokraten zu treffen, auf dass die geschlagen am Boden liegen und sich damit jede Art von Verhandlung oder Konsensfindung erledigt hat.

Wir leben in einem Land, in dem man sich im Parlament wie bei einer Schießerei benimmt. Da muss man sich nicht wundern, wenn Leute wie Jared Loughner genauso handeln. Er ist das Ergebnis von 400 Jahren amerikanischer Geschichte. Eine Woche nach dem Attentat auf Giffords meldete die Waffen-Messe in Tucson einen Besucherrekord.


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Professor Marcia Pally lehrt Kulturwissenschaften an der New York University.

Übersetzung: Christoph Albrecht-Heider

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