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22. Oktober 2010

Kolumne zu Deutschkursen: Liebe Aygül Özkan!

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Ein Kampagne von der Deutschlandstiftung Integration will Menschen mit Migrationshintergrund motivieren, Deutsch zu lernen. Die Plakat-Aktion ist praktisch und kostengünstig - Deutschkurse sind das nicht.

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Es gibt jetzt zwölf Plakate, auf denen je eine erfolgreiche Berühmtheit mit nichtdeutschen Wurzeln abgebildet ist. Zum Beispiel Sie, erste deutsch-türkische Ministerin. Oder der Fußballer Jérôme Boateng. Die brasilianische Moderatorin Jana Ina. Der Musiker und Halbsinti Sido.

Die Bildsprache knallt. Jeder der Abgebildeten steckt dem Betrachter die Zunge heraus. Die Zunge leuchtet schwarz-rot-gold. Auf dem Plakat steht: „Raus mit der Sprache. Rein ins Leben“.

Die Kampagne wurde von der Deutschlandstiftung Integration entwickelt und richtet sich an Menschen mit Migrationshintergrund, die sich durch die Vorbilder motiviert fühlen sollen, Deutsch zu lernen. Gegründet wurde die Stiftung vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Sie ist eine wirtschaftliche Interessenvereinigung. Die Plakat-Aktion ist praktisch und kostengünstig. Die Verbandsmitglieder können die Plakate gratis in ihren Medien veröffentlichen. Nicht gratis sind die Deutschkurse.

Mit dem Online-Sprachschulenfinder kann man auf der zusätzlich geschalteten Webseite ich-spreche-deutsch.de einen Deutschkurs in seiner Stadt suchen. In Berlin habe ich einige der 36 Sprachschulen angerufen und eine 55-jährige Mutter erfunden, die schlecht Deutsch spricht, demnächst in Frührente geht und einen Kurs besuchen will.

Das „International House Berlin Prolog“ reagierte freundlich und fragte mitfühlend, warum meine Mama denn keinen Integrationskurs absolviere. Ich antwortete: „Verehrteste, als Teilnehmerin der von der Deutschlandstiftung Integration initiierten Kampagne müssten Sie wissen, dass es Integrationskurse nur für Neuankömmlinge gibt, die nach 2005 eingereist sind. Meine Mama lebt aber seit Jahrzehnten hier, weshalb es damals wie heute keinen Rechtsanspruch auf einen Kurs gibt.“

Völlig erstaunt reagierte man darauf mit einem Kursangebot. Allerdings: „Bei uns lernen nur Studenten, das Unterrichtstempo ist zügig.“ Unterstes Sprachniveau, 20 Stunden die Woche, 450 Euro monatlich, mindestens ein halbes Jahr lang, macht 2700 Euro. Die Durchschnittsrente von ausländischen Arbeitern liegt übrigens bei unter 1000 Euro. Die Berlitz Sprachschule bot immerhin einen Kurs, in den meine Mutter als Selbstzahlerin in den Integrationskurs eingeschleust werden könne, aber nur, wenn sie gar kein Deutsch spricht, also auch nicht gebrochen, was wiederum nicht realistisch ist. Dann kostet der Kurs bei täglichen fünf Unterrichtsstunden, monatlich 235 Euro. Empfohlene Dauer: wenigstens sechs Monate. Ganz nebenbei, für Berufstätige ist das völlig undenkbar.

Ich rief etwa zehn Schulen an. Alle betonten, das Angebot richte sich an ausländische Studenten und Unternehmer oder kürzlich Eingereiste. Nicht aber an die Millionen Migranten, die schon lange hier leben oder hier geboren sind. Die Ausländerbehörde konnte nicht helfen, ich rief sogar im Innenministerium und beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge an. Kurz: Ich fand keinen geeigneten Deutschkurs.

Der Markt reagiert nicht auf die politischen Forderungen an Migranten, besseres Deutsch zu lernen. Die Politik findet ebenfalls keine Lösungen. Und Sie? Modeln für die Imagekampagne einer Wirtschaftsvereinigung und strecken den Migranten die Zunge heraus!

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

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