Aktuell: Terror in Paris | Kolumne "Gastwirtschaft" | Skispringen, Wintersport | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

10. September 2012

Kolumne zu Griechenland: Griechische Woche

 Von Götz Aly
"Auf Zakynthos, wo ich herkomme, gibt es an die 700 Empfänger von Blindenrente, einige davon sind Taxifahrer."Foto: dpa

Ein hellenischer Ministerpräsident, ein Zeitungsartikel von 1895 und ein paar Beschimpfungen.

Drucken per Mail

Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Euro-Rettungsschirm und treuherzigen Versprechen in Athen steht eine so oder so kostspielige Woche ins Haus. Besonders neu ist das nicht. Bereits 1893 erklärte der damalige Ministerpräsident Charilaos Trikoupis im griechischen Parlament lapidar: „Leider sind wir pleite.“

Die üppigen ausländischen Kredite konnten nicht mehr bedient werden, das Geld war nicht für die vorgesehenen Investitionen verwendet worden, sondern im Sumpf von Staatsapparat und Armee versickert. Trikoupis trat zurück. Bald darauf wurde er abermals – zum siebten und letzten Mal – Ministerpräsident. Nunmehr murmelte er, dem Druck ausländischer Gläubiger folgend, etwas von unumgänglichen Steuererhöhungen, und sofort jagten ihn seine Leute aus dem Amt. Der Gestürzte zog sich ins angenehme französische Cannes zurück, starb dort in Frieden und wird im heutigen Griechenland als Volksheld verehrt.

Kurz nachdem Trikoupis das von ihm mitverursachte Schlamassel hinter sich gelassen hatte, schrieb der Korrespondent des Berliner Tageblatts über „Parteikorruption in Griechenland“. Zufall, aber wahr, der Artikel erschien am 11. September 1895, also vor exakt 117 Jahren. Selbstverständlich gebe es auch viele dem „guten Bürgerstande“ angehörende Griechen, hieß es in dem Bericht, aber diese hätten sich „seit so langen Jahren“ an die heillosen Zustände „gewöhnt, dass sie die Empfindung für die Schmach, die darin liegt, zu sehr verloren haben, um sich zu einer gemeinsamen Reaktion dagegen aufzuraffen“.

Diese Bürger scheuten jede Verantwortung und forderten „die Übergabe der ganzen Regierung an ein internationales Komitee“. Das werde jedoch, wie der Korrespondent des Berliner Tageblatts weiter schrieb, ein frommer Wunsch bleiben, und gewiss würde jede Art ausländischer Kontrolle von jenen vereitelt werden, „die sich nicht in ihrem Treiben gehindert sehen wollen“, und deswegen behaupten, Kontrolle sei ein unverschämter Angriff auf die Freiheit Griechenlands.

Wer meint, ich hätte den zitierten Artikel hustend im Staub der Archive ausgegraben, der irrt. Er wurde mir dieser Tage unaufgefordert in die Hand gedrückt, und zwar von einem Griechen, dem Mitgroßvater meines ältesten Enkels. Kaum hatten wir ein halbes Glas Bier getrunken, legte er los: „Zum ersten Mal bin ich dieses Jahr nicht nach Griechenland zu meiner Familie gefahren! Die beschimpfen mich als Deutschen! Und ich sage Dir, Götz, ich bin stolz darauf! Die arbeiten dort nicht, und wenn, dann schwarz! Auf Zakynthos, wo ich herkomme, gibt es an die 700 Empfänger von Blindenrente, einige davon sind Taxifahrer. Unglaublich! Wenn ich meine Brüder und Schwestern nur vorsichtig auf diese Dinge anspreche, dann schreien sie ins Telefon: ‚Du Merkel-Knecht!‘ Ich habe dann einfach aufgelegt. Hier, das interessiert Dich doch, dieser Artikel von 1895! Den schicken sich deutsche Griechen per E-Mail einander zu. Schrecklich!“

Wir tranken unser Bier zu Ende und freuten uns gemeinsam darüber, dass Deutschland gut regiert wird. Vor fünf Tagen stand in der Zeitung: Nach sehr vorsichtigen Berechnungen hinterzogen allein die Selbstständigen in Griechenland 2009 etwa 30 Milliarden Euro an Steuern. Für die und Hunderttausende beamtete Nichtstuer fließen bald weiter Milliarden.

Götz Aly ist Historiker.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Griechenland

Schuld und Schulden

Von  |
Ministerpräsident Alexis Tsipras redet nicht um den heißen Brei herum: "Die Stunde der Abrechnung ist gekommen."

Die Griechen pochen auf eine Wiedergutmachung für das im Zweiten Weltkrieg erlittene Unrecht. Deutschland muss endlich nach einer fairen Lösung suchen.  Mehr...

Leitartikel

Engagiert Euch!

Die Pegida-Anhänger in Dresden.

Versuchen Sie mehr Einfluss zu nehmen. So, wie es viele ihrer Nachbarn längst tun, im Westen und im Osten des Landes. Erst dann können Sie sagen, es würde Ihnen niemand zuhören. Mehr...

Ölpreis

Wem Billig-Öl schadet

Arbeiter an einer Öl-Pipeline.

Günstige Energie ist gut – aber sie muss aus der richtigen Quelle stammen, Öl ist die falsche. Der Druck schwindet, in eine umweltfreundlichere Zukunft zu investieren. Der Leitartikel. Mehr...

Terror und Meinungsfreiheit

Die Grenzen der Freiheit

Eine Litfaßsäule mit "Je suis Charlie"-Karikaturen beim Zeitungsverlegerverband in Berlin.

Gegen Terror und Pegida, für Freiheit, Demokratie und Vielfalt zu demonstrieren, ist gut und richtig. Aber wer Freiheit leben will, muss auch über ihre Grenzen reden. Nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung. Der Leitartikel. Mehr...

Griechenland

Schaden für Europas Linke

Ein Schuldenschnitt ist in vielen Ländern der EU politisch nur schwer durchzusetzen, weil er letztlich auch auf Kosten der Steuerzahler geht.

Dass Griechenlands neuer Premier ausgerechnet eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingeht, ist ein schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass Syriza nicht daran zerbricht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Pegidas politische Stichwortgeber

Auch wenn die Teilnehmer es nicht glauben wollen: Einen Großteil ihrer Parolen bezieht die Pegida-Bewegung aus der Politik.

In den Parolen der Islam- und Ausländerfeinde spiegelt sich der Geist der Ausgrenzung, der auch die Flüchtlings- und Migrationspolitik der vergangenen Monate beherrscht hat. Mehr...

Leitartikel

Die europäische Frage

Der Vorsitzende des  Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, gibt seine Stimme ab bei der Wahl in Griechenland am Sonntag.

Nicht eine linke Partei in Griechenland ist das Problem der EU, sondern die soziale Spaltung, die Unzufriedenheit nährt. Und leider auch Populisten, die die Schuld immer bei Fremden suchen. Mehr...

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel. Mehr...

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte. Mehr...

Weltwirtschaftsforum in Davos

Sozialstaat muss für Balance sorgen

Auf dem Weltwirtschafsforum in Davos wird zur Zeit auch über das Thema Ungleichheit diskutiert.

Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze immer weiter verschärfen. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige