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30. Juli 2012

Kolumne zu Neonazis: Im rechten Winkel

 Von Götz Aly

Uckermark und Vorpommern wirken zauberhaft. Doch der Schein trügt. Die Gegend ist stark angebräunt.

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Uckermark und Vorpommern wirken zauberhaft. Doch der Schein trügt. Die Gegend ist stark angebräunt.

Der Fahrradweg von Berlin nach Usedom führt durch zauberhafte Landschaften. Ich sah Störche, friedliche Hasen und Rehe, war in gediegenen Herbergen und Hofläden zu Gast. Glückliche Uckermark! Glückliches Vorpommern! So hätte ich denken können. Doch der Schein trügt. Man weiß ja, die Gegend gehört zu den mit nationalem Gedankengut stark angereicherten Zonen des Landes.

Nicht, dass mich überall gestiefelte Glatzen erwartet hätten. Die Anzeichen sind diskreter. An einer Weggabelung liegt zum Beispiel ein kräftiger Findling. „Sofortprogramm 1933 – Schlussstück der Chaussee Kerkow-Görlsdorf-Glambeck – 31. 3. 1934“ steht darauf, akkurat eingemeißelt und frisch restauriert. Zu DDR-Zeiten wird der Stein nicht sichtbar gewesen sein. Der zuständige Bürgermeister von Angermünde, Wolfgang Krakow (SPD), nimmt an der Nazidevotionalie keinen Anstoß.

Die Morder sind längst wieder frei

Am selben Tag passiere ich Potzlow. Dort ermordeten rechtsextreme junge Männer am 13. Juli 2002 den lernbehinderten 16-jährigen Marinus Schöberl. Sie schmähten ihn als „undeutsch“, „voll schwul“, „linkes Judenschwein“ und folterten ihn zu Tode. Der kleine Gedenkstein an der Kirche ist frisch geschmückt, gibt jedoch keine Auskunft über Tat und Täter. Die Mörder sind längst wieder frei.

Am vergangenen Samstag, fast genau zehn Jahre nach dem Mord, feierten die Potzlower ungerührt ihr Dorffest. In den Zeitungsläden und Tankstellen der Region liegt neben dem Neuen Deutschland stets die National- und Soldatenzeitung aus. Zu diesem Miteinander passt das allenthalben liebevoll bewahrte DDR-Erbe: endlose Thälmann-Straßen, Straßen des Friedens, der Solidarität oder der Freundschaft.

Einen Tag später weist mich ein Schild „Zum Soldaten-Grab“. Ich finde ein Holzkreuz mit NVA-Stahlhelm, darunter ein Eisernes Kreuz und die Inschrift „Ruhestätte eines unbekannten deutschen Soldaten, gefallen, Mönkebude, April 1945“. Ein junges Paar mit Baby besucht und pflegt das hübsch bepflanzte Grab. Keine Frage, deutscher Soldaten soll gedacht werden, auch wenn sie für eine verbrecherische Sache starben. Sie gehören nun einmal zu Deutschland und zu den meisten deutschen Familien. Aber hier im Wald bei Ueckermünde wurde ein kleiner Weiheort für die Wehrmacht errichtet.

Ruhm für altgediente Nazis

Im Seebad Ahlbeck gehe ich in die Buchhandlung. Otto von Habsburg, Verlassen in Ostpreußen, Europa braucht den Euro nicht, Von Peenemünde nach Canaveral, Schlesische Heimat, Swinemünde – (zerbombtes) Dresden des Nordens, Mit U 156 auf Feindfahrt – so lauten die Titel, die ins Auge springen, die hier in dieser Massierung ihre Buchhändlerin und ihre Kunden finden.

Schließlich kann der Reisende in Peenemünde erleben, wie ehemalige, militariageile Offiziere der DDR-Volksmarine Hitlers Wunderwaffen verherrlichen („technische Meisterleistung“). Hermann Oberth, den ich in jungen Jahren als wüsten NPD-Agitator kennenlernte und dessen Veranstaltungen ich störte, verwandelt der Museumsführer zum „namhaften Raketenpionier“; ein glühender Alt- und Neonazi wird zum und genialen Professor. Ekelhaft.

Nährboden für braunen Terror

In derart angebräunten Verhältnissen gedieh der NSU, der Nationalsozialistische Untergrund, und solche Terrorgruppen können jederzeit und mancherorts von Neuem entstehen.

Götz Aly ist Historiker.

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