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01. August 2012

Kolumne zur Beschneidung: Nachtrag zur Vorhaut

 Von Volker Heise
Das Kölner Landgericht sagt, Beschneidung ist Körperverletzung. Dabei hat Rauchen in der Schwangerschaft viel größere gesundheitliche Konsequenzen für das Kind.  Foto: dapd

Warum die Beschneidung vor Gericht gezerrt wurde, Rauchen während der Schwangerschaft aber nicht, wird noch geklärt. Es könnte mit dem Verhältnis der Deutschen zur Religion zu tun haben.

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Neben der Euro-Krise gibt es im Moment nur ein dringendes politisches Thema in Deutschland: die Vorhaut. Ein paar sachliche Informationen zur Einstimmung. Der Fachbegriff für Vorhaut lautet Praeputium. Sie wird definiert „Hautfalte über der Eichel, dem vorderem Teil des männlichen Gliedes “ (Brockhaus). Ihr Vorteil: Sie hält die Eichel zart und feucht und schützt vor Verletzungen. Der Nachteil: Unter der Vorhaut sammelt sich Smegma, auch Vorhautschmiere genannt, was bei unzureichender Hygiene zu Entzündungen führt, zu Pilzen und anderen Krankheitserregern (kliniken.de).

In einigen Kulturen und Religionen, etwa im Islam und im Judentum, wird die Vorhaut des Knaben beschnitten. Ob die Beschneidung schon immer rein ritueller Natur war oder ob sie aus hygienischen Gründen zum Ritual wurde, ist nicht mehr zu klären.

 Volker Heise
Volker Heise
 Foto: BLZ

Der Unterschied ist die Religion

Beschnitten waren Sigmund Freud, Albert Einstein und Jesus Christus. Die Vorhaut von Jesus war das einzige Körperteil, das der Heiland der Nachwelt hinterlassen hat. Der Rest sitzt bekanntlich zur Rechten Gottes (Bibel). Im Mittelalter wurden 53 seiner Vorhäute von den Gläubigen angebetet. In der Jetztzeit hat ein Kölner Landgericht die Beschneidung als Körperverletzung eingestuft und verboten.

Warum die Beschneidung vor Gericht gezerrt wurde, Rauchen während der Schwangerschaft aber nicht, muss noch geklärt werden. Bei der Beschneidung hat man keine langfristigen körperlichen Schäden für das Kind feststellen können, in der Fachliteratur sind auch keine Hinweise auf Beschneidungstraumata zu finden. Rauchen während der Schwangerschaft dagegen erhöht das Risiko von Krebserkrankungen, von Frühgeburten und plötzlichem Kindstod, von Diabetes und Wachstumsstörungen. Beiden Praktiken ist gemeinsam, dass sich das Kind bzw. Embryo nicht wehren kann. Das eine hat mit Religion zu tun, das andere nicht.

Die Deutschen verachten Gläubige

Die Religion wird von immer mehr Menschen in Deutschland nicht als eine von vielen Möglichkeiten begriffen, seinem Leben Sinn zu verleihen, sondern als Inbegriff von Fanatismus und Irrationalität. Gläubige gelten ihnen als Menschen, die man nicht ganz für voll nehmen kann und die im Zweifelsfall vor Schlimmeren bewahren werden müssen, zum Beispiel vor der Beschneidung. Die Tendenz zur Gleichmacherei hat das Projekt Fortschritt schon immer begleitet. Wer gegen alle Vernunft glaubt und sein Heil nicht nur in Rentenversicherungen, Fernsehapparaten oder Ferien auf Mallorca sucht (die vornehme Variante: Apple-Computer, Theaterbesuch, Haus in der Uckermark oder im Taunus), der gilt den durchsäkularisierten Deutschen als verdächtig. Sie füttern ihre Kinder jährlich mit 1,8 Tonnen Ritalin und verachten am Gläubigen, was sie verloren haben: die Hoffnung.

Die letzte Vorhaut von Jesus Christus verschwand 1983 unter mysteriösen Umständen aus der Kirche von Calcatta in der Nähe von Rom. Eine Verschwörungstheorie geht davon aus, es sei der Vatikan gewesen, der die Reliquie habe verschwinden lassen aus Angst vor den Fortschritten in der Gen-Technik. Die Vorstellung, aus der heiligen Vorhaut könnte eines Tages ein neuer Messias geklont werden, war zu viel für den Papst. So behält Gültigkeit der große Satz von Kinky Friedman: „They ain’t make no jews like Jesus anymore.“

Volker Heise ist Filmregisseur.

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