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23. Juli 2012

Kolumne zur Eurokrise: Schweiß der Eliten für den Euro

 Von Norbert Walter
Norbert Walter  Foto: privat

Wäre der Euro ein amerikanisches Projekt, würden US-Firmen sich öffentlich zur Unterstützung aufmachen. Und wir Europäer? Wir singen einen Abgesang auf den Euro.

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Linke und Rechte, Liberale und Protektionisten, Investmentbanker und Nationalökonomen, Verfassungsjuristen und politische Wissenschaftler, alle haben gemeinsam mit den Bürgern aus Geber- und Krisenländern den Euro satt: Sie wollen das Projekt beendet sehen.

Darf man einen Moment einmal eine andere Perspektive einnehmen? Man stelle sich vor, der Euro sei ein amerikanisches Projekt. Wie würden wohl die amerikanischen Erfinder, Projektmanager, die Teilnehmer dieses Projekts auf eine solche Breitseite an Kritik reagieren?

Haben Sie schon einmal nachgesehen, was auf einer Dollarnote steht? „In God we trust“. Man möchte meinen, auf den Euro-Noten stünde „In the Euro we distrust“. Oder betrachten Sie unsere Haltung zu anderen Symbolen der Identität. Wie steht ein Amerikaner, wenn seine Flagge gehisst wird oder die amerikanische Hymne erklingt? Mit der Hand auf dem Herz. Und wir? Stehen wir überhaupt auf? Singen wir mit? Kritische Distanz macht unsere Identität aus. Wenn Amerikanern etwas misslingt, haken sie es ab und beginnen das Werk mit frischem Mut, mit Optimismus. Erneut. Und wir halten Optimismus für unerwachsen, für unaufgeklärt.

Wie wäre es mit Volksbefragungen?

Wäre der Euro ein amerikanisches Projekt, würden die US-Firmen, die von der Markterweiterung, die von der Kostensenkung profitieren, sich engagiert öffentlich zur Unterstützung aufmachen, sie würden den Architekten der Währungsunion ihre Unterstützung öffentlich signalisieren. Wissenschaftler, die die Schwächen des ersten Anlaufs festgestellt haben, würden als Teil der Beraterstäbe der Politik und der übrigen Verfassungsorgane mit konkreten Verbesserungsvorschlägen aufwarten. Die Opposition würde sehr sorgfältig abwägen, ob sie ein Projekt, das die Größe Amerikas ausdrückt, einfach in die Tonne tritt.

Und wir? Viele Vertreter der deutschen Wirtschaft, insbesondere die Organisation der deutschen Familienunternehmen, singen einen Abgesang auf den Euro. 250 Nationalökonomen unterschreiben ein Manifest, das die Eurorettung scharf kritisiert. Politiker aller Couleur – auf der billigen Suche nach Wählerstimmen – schlagen in die gleiche Kerbe. Es sind dies die Linken, die Liberalen um Frank Schäffler, es sind dies die Seehofers und viele Freie Wählergemeinschaften. Und es sind dies besonders laut und schon seit Langem die Rechtsradikalen.

Aber: Der Euro ist im Bereich der Währungen zum Dollar das, was Airbus im Bereich des Flugzeugbaus für Boeing ist. Dieser fruchtbare Wettbewerb, der auf absehbare Zeit durch niemanden auf dem Globus bereitgestellt werden kann, ist äußerst erhaltenswert: Für Europa, für Amerika, für die Welt. Es wäre des Schweißes der Eliten wert, die Bedingungen nachzuarbeiten, damit aus der gemeinsamen europäischen Währung, dem Euro, ein umfassender und nachhaltiger Erfolg wird.

Schritte hin zu den Vereinigten Staaten von Europa mit einer Verfassung wie sie etwa die Schweiz – mit vier Sprachen und Ethnien – hat, nämlich eine föderale mit fiskalpolitisch starken Kantonen und kulturpolitisch starken Kommunen, aber einem echten Parlament und einem wirklichen Bundespräsident in Bern. Und vielleicht werden wir Europäer ja bald politisch ähnlich reif wie die Schweizer und können erfolgreich Volksbefragungen wagen.

Norbert Walter ist Publizist und war Chef-Volkswirt der Deutschen Bank.

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