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20. Juli 2012

Kolumne zur Finanzkrise: Liebe spanische Obdachlose!

 Von Mely Kiyak
Zwangsräumungen stehen in Spanien derzeit auf der Tagesordnung. Dieser Spanier wird sein Haus ebenfalls bald räumen müssen. Foto: REUTERS

Es gibt in Europa einen unbedingten Willen, die spanischen Banken zu retten. Vor von Obdachlosigkeit bedrohten Immobilienbesitzern macht der Rettungswille aber halt. Warum?

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Es gibt in Europa einen unbedingten Willen, die spanischen Banken zu retten. Vor von Obdachlosigkeit bedrohten Immobilienbesitzern macht der Rettungswille aber halt. Warum?

Als ich noch zur Schule ging, wurde das Thema Obdachlosigkeit im Englischunterricht behandelt. Es war ein Phänomen, das im angelsächsischen und amerikanischen Kontext vermittelt wurde. Fotos zeigten schwarze Amerikaner, die nichts weiter besitzen als einen Einkaufswagen mit Schlafsack und Kofferradio drin.

Das Problem, so offenkundig die Entscheidung des Kultusministeriums, sollten deutsche schulpflichtige Kinder mit schwarzhäutigen US-Bürgern in Verbindung bringen. Wir mussten das Lied „Streets of London“, auswendig lernen, das von Obdachlosen in einer Großstadt handelte, „carrying her home, in two carrier bags“, war eine Liedzeile, die uns sehr beeindruckte. Das Zuhause in zwei Tragetüten, meine Güte! Ein Lied, das Mut machen sollte. „Wie kannst Du behaupten, dass die Sonne nicht für Dich scheint? Lass mich dich an die Hand nehmen“.

Ein Schuljahr später wurde im Sozialkundeunterricht das Thema Obdachlosigkeit mit Drogensucht konnotiert. Wir lernten den Zusammenhang zwischen Alkoholsucht, Arbeitsplatzverlust, Wohnungsverlust, Bankkontoverlust. Ohne feste Wohnadresse kein Bankkonto, ohne Bankkonto keine feste Arbeit – ein Teufelskreis. Auch hier gab es einen handfesten Grund für den Absturz: Heroin, Alkohol, Crack. Heute, zwei Jahrzehnte später, gibt es Hunderttausende von in Not geratenen Spaniern. Sie leben nicht in Amerika, sie nehmen keine Drogen. Dieses Phänomen kam in meinen Schulbüchern nicht vor.

Zwangsvollstreckungsbusiness boomt

Eine Million Immobilien sind in Spanien derzeit wieder an Banken zurückgegangen. Dieser Tage boomt das Zwangsvollstreckungsbusiness. Wenn man arbeitslos wird, kann man seine Kreditraten nicht bezahlen. Ist das ernsthaft ein Grund, dass man Leute auf die Straße setzt? Mitten in der Krise? Wem nutzt das?

Für die Banken gibt es in Europa einen unbedingten Willen, sie nicht bankrottgehen zu lassen. Argumentiert wird mit dem Wohl der Menschen. Der Rettungswille macht vor von Obdachlosigkeit bedrohten Immobilienbesitzern aber halt. Warum? Dass das in Amerika so ist, schlimm genug, aber in Europa?

Man kann eine Krise nicht gemeistert nennen und dabei zuschauen, wie unsere europäischen Nachbarn von Obdachlosigkeit und Hunger betroffen sind. Eine Immobilienkrise ist doch keine Immobilienkrise, sondern eine Immobilienbesitzerkrise. So wie wir agieren und reagieren, ist es allerdings eine Sachrettung.

Finanzinstitute und Immobilien existieren noch, nur die Menschen sind vertrieben. Die Jungen wandern in die Arbeitsmigration ab, und die Alten suchen sich Schlafplätze in Parkgaragen und Lagerhallen. Die Banken in Spanien gehören durch die Krise zu den größten Immobilienhändlern.

Kann man die Banken nicht dazu zwingen, aus allen leerstehenden Immobilien liebenswürdige Obdachlosenheime zu machen? Indem man die Menschen einfach drin wohnen lässt? Steht in irgendeinem dieser EFSM, EFSF oder ESM ein Sondergesetz, dass Immobilienbesitzer in einer nationalen Wirtschaftskrise schützt? Ist Menschen auf die Straße setzen eigentlich noch zeitgemäß? Ist ein Wirtschaftssystem zivilisiert, das Obdachlosigkeit in Folge einer Wirtschaftskrise akzeptiert? Man muss „das Wohl der Menschen“ genauer definieren. Welcher Menschen? Wem genau nutzen die transferierten Mittel?

Ihre Mely Kiyak

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