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24. Januar 2011

Kolumne zur Friedrich-Naumann-Stiftung: Die Leiche im Keller der FDP

 Von 

Friedrich Naumann ist der Namenspatron der FDP-nahen Stiftung. Doch der gehört zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus. Dennoch pflegt die FDP seinen Namen.

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Das historische Elend des deutschen Liberalismus heißt Friedrich Naumann (1860–1919). Die FDP ehrt diesen Mann seit 1958 als Namenspatron ihrer parteinahen Stiftung. Er gehört in die Gilde der politisierenden Pastoren und veröffentlichte 1897 das Manifest National-sozialer Katechismus. In protestantisch-belehrender Art kommt dieses politische Programm als Abfolge von 268 Fragen und Antworten daher. Hier eine Kostprobe:

„Warum nennt ihr euch nationalsozial? Weil wir überzeugt sind, dass das Nationale und das Soziale zusammengehören. Was ist das Soziale? Es ist der Trieb der arbeitenden Menge, ihren Einfluss innerhalb des Volkes auszudehnen. Was ist das Nationale? Es ist der Trieb des deutschen Volkes, seinen Einfluss auf der Erdkugel auszudehnen. Kann man den Einfluss aller Kulturvölker nicht gemeinsam ausdehnen? Nein, denn dazu ist der Absatzmarkt für diese Völker nicht groß genug. Hat die Sozialreform in Deutschland gute Aussichten? Ja, sobald sie in Zusammenhang mit der Machterweiterung des deutschen Volkes betrieben wird.

Aus welchem Grund muss also die arbeitende Menge national sein? Aus Selbsterhaltungstrieb. Was für eine Politik ist demnach zu fordern? Eine Politik der Macht nach außen und der Reform nach innen. Was für Kolonien sind zu erstreben? Kolonien in gemäßigtem Klima, wo deutsche Ansiedlungen möglich sind. Bei welchen Gelegenheiten können solche Kolonien gewonnen werden? Bei Friedensschlüssen nach glücklichen Seekriegen.“

Das sind neun Fragen und Antworten aus der Geisterwelt der Nationalsozialen, die anderen stehen im Internet:

1915 veröffentlichte Naumann das vielgelesene Buch „Mitteleuropa“. Darin vergoldete er den Krieg zum „Schöpfer einer mitteleuropäischen Seele“ und forderte: „Solange uns also die Sonne noch leuchtet, müssen wir den Gedanken haben, in die Reihe der Weltwirtschaftsmächte erster Klasse einzutreten. Dazu gehört die Angliederung der anderen mitteleuropäischen Staaten und Nationen.“ Wer sollte nach Naumann die herrlichen imperialen Ziele erreichen? „Unsere Arbeiterschaft zusammengebunden mit unseren geschulten Unternehmern, mit unseren Syndikatsleitern, mit unseren Geheimräten und Offizieren.“ Diese „Volksmaschine geht ihren Gang, ob der Einzelmensch lebt oder stirbt“, schwärmte Naumann und freute sich, wie „von allen Seiten der Staats- und Nationalsozialismus“ wachse.

Der Nobelpreisträger und ordoliberale Wirtschaftswissenschaftler Friedrich A. Hayek zählte 1944 Friedrich Naumann zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus. Hitler hatte große Passagen seines außenpolitischen Programms bei diesem abgeschrieben, und wer Naumann liest, begreift, warum die fünf liberalen Abgeordneten des Reichstags, darunter Theodor Heuss und Ernst Lemmer, am 24. März 1933 Hitlers Ermächtigungsgesetz zustimmten, und zwar mit dieser Begründung: „Wir fühlen uns in den großen nationalen Zielen durchaus mit der Auffassung verbunden, wie sie heute vom Herrn Reichskanzler hier vorgetragen wurde.“

Frage an die Damen und Herrn der FDP und der Friedrich-Naumann-Stiftung: Warum um Himmels willen pflegen Sie diesen Namen? Ist Ihnen wirklich alles egal?


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Götz Aly ist Historiker.

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