Geschrieben mit einem Seitenblick auf die Neuigkeiten aus dem Leben unseres Präsidentenpaars, handelte meine Kolumne am vergangenen Dienstag von üppigen Rabatten, die zehntausende Inhaber von Presseausweisen als Selbstverständlichkeit ansehen. In der Online-Ausgabe dieser Zeitung wurde der Text geklickt, getwittert, verlinkt, weiterempfohlen – um ein Vielfaches häufiger als je ein anderer Artikel von mir. Erfreulich ist das nicht.
Warum? Wegen der schriftlichen und mündlichen Reaktionen. Sie gliederten sich in zwei Gruppen: die bräsige Selbstverteidigung der medialen Vorteilnehmer und die Behauptung der anderen, sie gehörten zu den ewig Benachteiligten. Als Werteprediger bekannte Journalisten erklärten ihre Rabatte mir gegenüber als „völlig normal“. Sie ließen das Problem ähnlich jenem Professor abtropfen, der im Semester eineinhalb Tage an der Uni weilt und, dazu befragt, lässig mitteilt: „Zu meinem Amt gehört hohe temporale Dispositionsfreiheit.“ Beliebt ist in Medienkreisen die faule Ausrede, jeder könne derartige Rabatte mit einigem Verhandlungsgeschick für sich herausholen. Lächerlich.
Auf der Gegenseite brachten eifernde Leser weitere Gruppen „bevorzugter Bürger“ bei mir zur Anzeige, „z.B. die Beamten von Ministerien“, für die in „bestimmten Nobelgeschäften“ eine „halboffizielle, vielleicht halblegale Schnäppchenwelt“ eingerichtet worden sei – bezahlt vom „schaffenden deutschen Arbeitnehmer“.
Beide Reaktionen sind Ausdruck einer kranken Gesellschaft, in der einzelne Gruppen ihre Besitzstände mit allen Mitteln verteidigen und einander scheelsüchtig belauern. Typischerweise sehen sich die einesteils Bevorzugten besonders gern als die insgesamt Zukurzgekommenen. Nach dem Motto „Das steht mir zu“ beharren sie auf der einmal eroberten Position. So machen sie das gesellschaftliche Klima unfreundlich. Rentner und Autofahrer maulen gemeinsam, sie seien die „Melkkuh der Nation“. Journalisten und Eigner von Solarkollektoren genießen still und hartnäckig ihre Vorteile. Fahrradfahrer gehören zu den besseren Menschen und lehnen jede Kooperation im Straßenverkehr ab. Im Schwimmbad werden als Erstes drei Liegen dauerhaft in Beschlag genommen, ob man sie braucht oder nicht. Ein Einheimischer, der in einer U- oder Straßenbahn seinen Sitzplatz ergattert hat, steht kaum mehr auf, wenn ein zittriger älterer Herr zusteigt, eine Mutter mit zwei kleinen Kindern oder eine der raren Schwangeren. Das fällt Besuchern aus Paris, Tel Aviv oder New York sofort ins Auge. Sie finden das Verhalten der Deutschen untereinander befremdlich, manchmal abstoßend.
Es stimmt nicht, dass unsere Politiker oder die Angehörigen unserer Oberschicht überwiegend korrupt wären. Wer einmal dem Gatten unserer Bundeskanzlerin oder Franz Müntefering beim Wochenendeinkauf begegnet ist, weiß, dass viele Menschen – unabhängig von ihrer sozialen Stellung – nicht privilegiert sein wollen. Das Problem liegt im allgemeinen Verhalten.
Wie wäre es, wenn wir die Reste ständischer Vor- und Sonderrechte endlich abstreiften, uns auf bürgerliche Tugenden besännen, die Interessen anderer respektierten, eigene Interessen zugunsten eines entspannten, womöglich heiteren Zusammenlebens gelegentlich zurückstellten und einfach weniger krakelten: „Haben-haben! Ich-ich-ich!“
Götz Aly ist Historiker.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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