Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

13. März 2012

Kolumne zur Schuldenkrise: Marshallplan für Griechenland?

 Von 
Götz Aly

Ein solcher Plan ist aus humanitären Gründen abzulehnen, denn er setzt vollständige Enteignung der Bürger voraus.

Drucken per Mail

Neulich wurde der Athener Finanzminister Evangelos Venizelos in Brüssel gefragt, was er von den bevorstehenden Gipfelgesprächen erwarte. Knapp und schnoddrig antwortete er: „Money!“ Wer so redet, möchte nichts ändern, sondern die Politik der Erpressung fortsetzen. Des ungeachtet beklagen heimische Freunde des Hellenentums den von Finanzministern und Weltbank geforderten – damit leider längst nicht durchgesetzten – Sparzwang für Griechenland. Mit vorwurfsvoll vorgeschobener Unterlippe bejammern sie Steuerhinterzieher, Rentenbetrüger, schmarotzende Klientelisten und die unübersehbare Schar ebenso gelähmter wie bestechlicher griechischer Staatsbeamter.

Sie behandeln die durchaus geschäftsfreudigen Griechen wie kleine Schwerbehinderte, die infolge ihres Unglücks jedes Mitleid und jede noch so teure Hilfe verdient hätten. Der Singsang solcher der Politischen Ökonomie unkundigen Mitleidsbrüder mündet im Refrain: Griechenland braucht einen Marshallplan! Materielle und monetäre Hilfe zum Wiederaufbau, so wie sie Westdeutschland 1948 dank amerikanischer Großherzigkeit erhalten hatte!

Wer das fordert, hat auch von Geschichte keine Ahnung. Ich jedenfalls wünsche Griechenland keinen Marshallplan, und zwar aus humanitären Gründen. Zur Erinnerung: Die Voraussetzung für das amerikanische Kredit- und Aufbauprogramm bildete die Währungsreform vom 20. Juni 1948. Ihr Zweck war die Liquidierung der finanziellen Kriegsfolgen mittels einer massenhaften Enteignung der Deutschen. Abgesehen von einem Handgeld von 60 D-Mark, das im Verhältnis eins zu eins gegen Reichsmark eingetauscht werden konnte, wurden sämtliche Sparguthaben der Deutschen einem Schuldenschnitt unterzogen und um 93,5 Prozent abgewertet.

Niemand konnte sein Geld 1948 in andere Länder transferieren, zudem waren die deutschen Auslandsvermögen von den Siegermächten beschlagnahmt worden. Die Deutschen verfügten 1948 über keinerlei nationale Souveränität, und diese blieb nach der Gründung der Bundesrepublik 1949 noch lange beschränkt. Auch unterschied sich das sozialpsychologische Klima recht deutlich von dem im heutigen Griechenland. Das größenwahnsinnig gewordene Hitlervolk lag zerschlagen und zerknirscht darnieder; die politischen Führer, mit denen man gemeinsam Schulden gemacht und auf Kosten anderer gelebt hatte, nahmen Gift oder hingen am Galgen.

In diesem geschichtlichen Licht seien die ehrenwerte Gesellschaft der Griechen-Freunde und deren journalistische Blechbläser eindringlich gefragt: Wollen Sie, dass sämtliche griechische Auslandsguthaben konfisziert, sämtliche inländischen Guthaben um 90 Prozent abgewertet werden und anschließend ein Plan zum Wiederaufbau und zur Stabilisierung Griechenlands aus der Taufe gehoben wird?

Genau so sähe ein Marshallplan aus, der nicht einfach gedankenlos beschworen würde, sondern am historischen Vorbild orientiert wäre. Im Übrigen sind sich Historiker einig, dass die Kredite und Warenlieferungen aus dem Marshallplan nur zum kleinen Teil den Wirtschaftsaufschwung der Bundesrepublik gefördert haben – im Wesentlichen leisteten sie Hilfe zur Selbsthilfe. Die Selbsthilfe aber muss von den Empfängern gewollt werden, und daran hapert es erheblich – jedenfalls im offiziellen, nach außen sichtbaren Griechenland.

Götz Aly ist Historiker.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Donald Trump

Demagogische und verlogene Rede

Von  |
Donald J. Trump.

Donald Trumps „vereintes Amerika“ ist ein armes, ein kleines, ein engherziges, ein ängstliches Amerika. Nichts, worauf man stolz sein kann. Der FR-Leitartikel zur Rede des neuen Präsidenten der USA. Mehr...

Neuer US-Präsident

Trump setzt alles auf null

Donald Trump ist der 45. Präsident in der Geschichte der USA

Setzt Donald Trump die radikale Entideologisierung und Ökonomisierung der amerikanischen Außenpolitik tatsächlich um? Ein gespenstisches Szenario. Der Leitartikel. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung