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19. April 2012

Kolumne zur Schwarmintelligenz: Produktiv irren

 Von Matthias Horx
Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

Viele modernen Probleme sind enorm komplex. Wir brauchen dazu Experten, nicht nur den Schwarm. So wie in der Schweiz.

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In der Wohngemeinschaft, in der ich vor bald einem halben Jahrhundert lebte, gab es ein mit Filzstift an die Raufasertapete im Flur geschriebenes ehernes Gesetz: „Keine Macht für Niemand!“. Die Folge waren wunderbare Jahre, die jedoch meistens in Bergen von ungewaschenem Geschirr und bisweilen sehr hässlichen Psycho-Konflikten endeten. Seitdem wissen wir ein bisschen mehr über das, was ein kluger Kopf damals den „Horror unstrukturierter Gruppen“ nannte. Egalität ist keineswegs demokratisch, sie neigt vielmehr zur Bildung emotionaler Terror-Regimes.

Ist die „flüssige Demokratie“, in Kombination mit der gelobten „Schwarmintelligenz“, eine Alternative zu diesem korrupten undemokratischen System, in dem wir – so glauben es jedenfalls viele – heute leben? Nicht die Internettechnik, sondern die neue Wissenschaft der Verhaltensökonomie wird uns bei der Beantwortung dieser Frage weiterbringen. So hat ein Team um den System- Zukunftsforscher Dirk Helbing in Zürich die Schwarmintelligenz in Experimenten getestet. Wenn man ein unstrukturiertes Kollektiv nach bestimmten Sachverhalten fragt, etwa dem Gewicht eines Gegenstands oder der Einwohnerzahl einer Stadt, liegt der „Schwarm“ dann richtig, wenn die Ergebnisse nicht ständig veröffentlicht werden. Wird aber der Mittelwert von Anfang an mitgeteilt, entstehen enorme Abweichungen.

Dieser Effekt nennt sich die „Gruppenverzerrung“ oder „Confirmation Bias“. Wir glauben gern, was andere glauben. Wir halten kollektive Erregungen für unsere höchst individuelle Meinung. In der ständig von Erregungsschüben und durchaus ökonomischen Sensationsinteressen geschüttelten Mediengesellschaft (was wären die Medien ohne hässliche Skandale), wäre deshalb das Sich-Verlassen auf die kollektive Meinung einfach nur fatal. Entweder es käme dauernd zu Meinungshysterien. Oder zur gut gemeinten Entpolitisierung, weil natürlich alle Guten nur „das Gute“ wollen: Mehr Bildung, bedingungsloses Grundeinkommen, tolle Krankenhäuser, freie Musik. Das Piraten-Programm.

Viele moderne Probleme, von der Zukunft des Gesundheitssektors bis zur Planung von Bahnhöfen, sind enorm komplex. Dafür brauchen wir Experten. Auch Experten finden, wie das berühmte Tetlock-Experiment von 2006 zeigt, nicht immer die richtigen Lösungen. Trotzdem wird es ohne sie nicht gehen. Experten bedeuten immer auch: Gefälle, Hierarchie, Delegation. Und das ist gut so. Wenn bei einem Notfall im Cockpit eines Flugzeuges eine WG-Debatte ausbricht, möchte ich nicht drin sitzen.

Die Zukunft der Demokratie besteht nicht in Umkrempelung, sondern Verfeinerung des Repräsentationsverhältnisses zwischen „Schwarm“ (Bürgern), Experten und politischen Spezialisten. Am besten machen das heute die Schweizer. Die haben eine Regierung, in der alle Parteien kooperieren, und in der (parteineutrale) Experten hohe Anerkennung genießen. Aber das Volk hat ständig die Möglichkeit, Entscheidungen abzulehnen oder zu erzwingen. Die Volksabstimmung, so wissen weise Schweizer (und Demokraten), dient in erster Linie gar nicht der Kontrolle der Politiker. Sie gibt den Bürgern (Schwarm) die Möglichkeit, etwas über ihre eigenen Irrtümer zu lernen. Wenn die Piraten wirklich schlau sind, verstehen sie das. Und bereichern uns mit ihrem Konzept der „liquid democracy“ um neue produktive Irrtümer.

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